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Der Preis der Schönheit

Clean Girls – strahlende Schönheiten in stilvoller Kleidung: Der Clean Girl-Trend begeistert Millionen von Fans. Und leert dabei ihre Geldbörsen.

26.06.2024 12:55
Redaktion
© YouTube @Sydney Nicole

Wer regelmäßig die chinesische Erfolgsapp TikTok nutzt, sollte mit diesem Genre bereits bestens vertraut sein: Drei Milliarden Aufrufe hat der Hashtag „Clean Girl Aesthetic“ (#cleangirlaesthetic), welcher bereits seit 2022 auf verschiedenen sozialen Medien seine Kreise zieht. Und Kreis sei hier das Stichwort: Denn um Teil der „Clean Girls“ zu sein, gibt es – natürlich nur inoffiziell – bestimmte Aufnahmekriterien. Erfüllen können diese jedoch nur die Wenigsten. Und genau diese Exklusivität mag wohl auch der Grund sein, warum die „Clean Girls“ auch 2024 sich noch immer  höchster Beliebtheit erfreuen.

Die Clean Girls

Sie haben das, wovon jedes Mädchen träumt: Ihre Haut glänzt in einem natürlichen Teint, ist straff und Pickel oder andere Unreinheiten sind – egal, wie lang man sucht – einfach nicht aufzufinden. Die Haare sind streng zurückgekämmt oder fallen auf mühelose Weise über die Schultern. Der schmale Körper ist umhüllt von schlichter Kleidung. Diese ist inspiriert vom „Scandy-Style“, ein weiterer erfolgreicher TikTok-Trend mit fast identischer Zielgruppe. Die Prämisse ist: minimalistisch und simpel. Zumindest auf den ersten Blick.

Wer sich aber die Zeit nimmt und in die Tiefen des Internets hineintaucht, sieht schnell, dass in Wahrheit viel mehr – vor allem Geld – dahinter steckt. Denn „effortless“ ist hier schon mal gar nichts. Und mitmachen darf auch nicht jeder. Um den Clean Girl Look zu erreichen, muss man erst einmal genügend Geld in die Hand nehmen. Denn all jene, die nicht das Geld für die in den Clips präsentierten Make-up-Produkte, Kleidungsstücke, Accessoires und eine monatliche Maniküre haben, kommen dem Trend nur schwer hinterher. 

Erst mal zahlen, bitte

Wer jedoch trotzdem gewillt ist, das Unmögliche möglich zu machen und selbst zum „Clean Girl“ zu werden, hat ganz schön viel vor sich: Angefangen bei Hautpflege und Make-up über Kleidung bis hin zu den richtigen Accessoires. So ist es nicht verwunderlich, dass, wenn man den Begriff „clean girl“ in Google eingibt, der erste Link direkt zu einem Kosmetikunternehmen führt. Die Homepage präsentiert sofort Foundation und Concealer, die darauf abzielen, „das Hautbild zu verfeinern“, Augenringe und Hautunreinheiten abzudecken und so den ausschlaggebenden makellosen Teint zu schaffen. Darauf folgen drei weitere Empfehlungen, die mir zu einem „sanften Glow“ und den in den Videos gezeigten „glossy Lips“ verhelfen sollen. Das alles natürlich für einen saftigen Preis von 180 Euro.

Sei so wie ich

Wer solche Produktempfehlungen sucht, muss jedoch gar nicht erst anfangen zu googeln. Denn welche Produkte gekauft werden sollen, erklären die TikTok- und vor allem auch YouTube-Creator in ihren Videos ganz von selbst. Daisy Louisa zeigt ihre Lieblingsprodukte auf beiden Plattformen und setzt damit einen Kaufanreiz, dem Fans nur schwer widerstehen können. Verstärkt wird dieser mit exklusiven Rabattcodes, die Zuschauer für einen vergünstigten Preis beim Kauf der gezeigten Produkte nutzen können. Und während wir uns über gesparte Cent freuen, klingelt es bei den Clean Girls auch schon in der Tasche. Denn dass dem Mädel im Video pro Kauf mit angegebenem Code ebenfalls eine schöne Summe überwiesen wird, bleibt unausgesprochen.

Weiter mit den Haaren

Aber wer sich von Mega-Promis wie Hailey Bieber, Lily-Rose Depp und Bella Hadid inspirieren lässt, hat mit ein bisschen Make-up längst nicht genug getan. Weiter geht es mit den Haaren. Denn auch da gibt es eine kleine, aber feine Auswahl an verschiedenen Frisuren. Verschieden ist fast schon eine Übertreibung, sind die Styles in ihrer „Base“ doch alle genau gleich: Sleek Hair! Auf Deutsch am ehesten mit „zurückgekämmtes Haar“ zu übersetzen. Und ja, es schaut so aus, wie es klingt: Um einen Elvis Presley ähnlichen Look zu kreieren, nehmen die Girls gleich mehrere Produkte in die Hand. Eine wahre Präzisionsarbeit, die schon mal zwanzig Minuten in Anspruch nehmen kann – immer mit dem Ziel, so „effortless“ wie möglich auszusehen. In die Kamera gezeigt werden auch da bestimmte Produkte, auf welche die Influencer „schwören“ und die natürlich fleißig von ihren Fans nachgekauft werden.

Das Outfit

Geschminkt und frisiert fehlt nur noch eines: das Outfit. So wie der restliche Look soll natürlich auch die Bekleidung so clean wie möglich sein. Statt aufregender Farbkombinationen tragen die Vorbilder neutrale, einfarbige Stücke. In Frage kommen hier Brands wie Sézane, COS, Essentials, aber auch preisgünstigere wie Zara und – wenn die Qualität zweitrangig ist – H&M. Anregungen finden Interessierte in sogenannten „Hauls“, wie es YouTuberin Sydney Nicole vorzeigt. Hier zeigen die Protagonistinnen ihren Kleidungseinkauf mit Links und Artikelnummern zu den gezeigten Stücken – und natürlich passenden Rabattcodes.

Clean Girl mit Millionen-Umsatz

Ein Kleidungsstil, der im ersten Moment ziemlich langweilig wirkt, war für Matilda Djerf eine Millionen-Idee. Die 26-jährige Schwedin ist das Vorzeigebild für ein typisches Clean Girl, gekleidet im beliebten Skandy-Look, der – wie gesagt – Hand in Hand mit dem Fashionsense des Clean Girls geht. Ganze drei Millionen Follower hat die Fashionikone seit 2016 auf Instagram gesammelt. Und diese Reichweite machte sie sich sogleich zunutze: Nur drei Jahre nach ihrem Instagram-Debüt gründete die Influencerin ihr Modeunternehmen Djerf Avenue und erreichte wenig später ihren ersten Millionen-Umsatz. Bei Kleidung blieb es aber nicht. Erst kürzlich launchte die Schwedin zusätzlich ihre eigene Haarpflege-Linie. Denn obwohl sie für ihre Haarpracht international bekannt ist, fehlte es ihr, so Djerf selbst, einfach an den richtigen Produkten. Und deswegen hat sie diese jetzt einfach selbst produziert. Für eine Millionärin natürlich kein Problem. Und dass die Fans ihre Produkte – ob sie nun funktionieren oder nicht – kaufen, steht bei so einer Fanbase sowieso außer Frage. Ein Geschäftsmodell inspiriert von einem Social-Media-Trend. Vor zehn Jahren noch unvorstellbar, heute Realität.

Wenn der Schein trügt

Ein scheinbar müheloses Schön-​heitskonzept, in den Wirren der digitalen Ära etabliert. Ein Schönheitskonzept, hinter dem sich eine komplexe Realität aus kommerziellen Interessen und exklusiven Standards verbirgt. Alles getarnt mit strahlenden Girls im eigenen Schlafzimmer.

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