Der Kratky-Effekt: Ö3 nach dem Umbruch
Im Radiotest 2025 haben die Privaten zwar insgesamt die Nase vorne, Ö3 ist aber neu erstarkt.

Der Abgang von Robert Kratky im Sommer 2025 war mehr als eine gewöhnliche Personalie. Über zwei Jahrzehnte hinweg war er das prägende Gesicht des Ö3-Weckers – und Projektionsfläche für eine Erzählung, die den öffentlich-rechtlichen Hörfunk lange begleitete: dass einzelne Stars Reichweite sichern, Marktführerschaft stabilisieren und damit auch außergewöhnliche Gehälter rechtfertigen.
Diese Erzählung wurde durch die öffentliche Debatte um ORF-Gehälter zusätzlich befeuert. Kratky zählte laut Transparenzberichten zu den bestbezahlten Mitarbeitern des Unternehmens, was politische und mediale Diskussionen auslöste. ExtraDienst hat diese Personalisierung nie vorangetrieben, sie jedoch über Jahre hinweg beobachtet.
Kratky selbst begründete seinen vorzeitigen Abschied mit gesundheitlichen Gründen und der hohen Belastung des jahrzehntelangen Morgenshow-Rhythmus. Auch ORF-Vertreter verwiesen damals auf den zunehmenden öffentlichen Druck, der auf exponierten Personen lastete.
Mit seinem Abgang schien zunächst Unsicherheit verbunden. Der Marktführer wirkte in Radiotests 2024 weniger stabil, der Wettbewerb mit den Privatradios verschärfte sich weiter.
Der aktuelle Radiotest liefert nun einen Hinweis, wie sich der Sender und seine Top-Sendung, der „Wecker“, nach seinem Abgang Mitte des vergangenen Jahres entwickelt haben: Ö3 konnte als meistgehörter Sender des Landes auf 30,3 Prozent zulegen, während die gesammelten ORF-Regionalradios auf 24,2 Prozent abbauten.
Der oft zitierte „Kratky-Effekt“ hat sich damit aufgeklärt. Die erfolgreichste Morgensendung Österreichs funktioniert auch ohne jene Person, die lange als Quotenbringer galt. Und sie tut es unter veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ö3 bleibt Marktführer, die neue Ära hat begonnen.
Heute steht Ö3 an einem anderen Punkt. Mit Anna Kratki und Philipp Bergsmann wurde der Ö3-Wecker neu aufgestellt – weniger personalisiert, stärker als Teamformat gedacht. Die Sendung wirkt ruhiger, gleichmäßiger, weniger auf eine einzelne Figur zugeschnitten. Die Marke Ö3 steht wieder klar im Vordergrund, nicht der Mythos eines unersetzlichen Morgenshow-Stars.
(red)