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Neo-Chefin Thalhammer will “profil” zum “kleinen, feinen Club” machen

Umgang mit der Politik ein "zweischneidiges Schwert"
©APA/ROLAND SCHLAGER

Seit 1. MĂ€rz ist Anna Thalhammer “profil”-Chefredakteurin. Die 37-jĂ€hrige gebĂŒrtige Oberösterreicherin hat Christian Rainer nach einem Vierteljahrhundert an der Redaktionsspitze abgelöst. Im APA-Interview spricht die ehemalige “Presse”-Chefreporterin ĂŒber Ihre PlĂ€ne fĂŒr das Nachrichtenmagazin, ihr “BĂ€renfell” als Investigativjournalistin, die “katastrophale Medienpolitik”, Chats von Rainer Nowak und einen “kleinen, feinen Club”, den sie mit “profil” erreichen möchte.

APA: Sie wechselten als “Presse”-Chefreporterin zum “profil”. Was macht das Nachrichtenmagazin fĂŒr Sie attraktiver als die Tageszeitung?

Anna Thalhammer: Sie haben beide ihren Reiz. Es hat immer zwei Medien gegeben, bei denen ich unbedingt einmal arbeiten wollte: Das eine war “Die Presse” und das zweite das “profil”. Die Möglichkeit, etwas zu gestalten, hat mich interessiert. Auch wenn wir momentan wirtschaftliche Probleme haben, lohnt es sich, fĂŒr das “profil” zu kĂ€mpfen.

APA: Oscar Bronner, der GrĂŒnder des “profil”, bemerkte in einem APA-Interview, dass weder Sie noch der neue GeschĂ€ftsfĂŒhrer Richard Grasl Erfahrung mit der FĂŒhrung von Magazinen hĂ€tten und wĂŒnscht dem “profil” viel GlĂŒck. Werden Sie GlĂŒck brauchen?

Thalhammer: GlĂŒck kann man immer brauchen. Ja, es stimmt, ich war noch nicht in so großen Rollen tĂ€tig. Erfahrung hat aber den Nachteil, dass sie immer alt ist.

APA: Sie haben bereits angekĂŒndigt, einen deutlicheren Fokus auf Wirtschaftsberichterstattung zu legen. Warum?

Thalhammer: Wenn man zu den wichtigsten Politikmagazinen des Landes gehören will, die von den EntscheidungstrĂ€gern gelesen werden, ist es unabdingbar, dass man ĂŒber eine tiefgrĂŒndige Wirtschaftsberichterstattung verfĂŒgt. Das will ich ausbauen.

APA: In puncto Wirtschaft ist die Raiffeisenbank nicht fern, die wesentlicher MiteigentĂŒmer des Kurier Medienhauses und damit von “profil” ist. FĂŒrchten Sie, dass sich jemand aus dem Konzern bei Ihnen meldet, wenn Sie mit unliebsamer Berichterstattung aufwarten?

Thalhammer: Das haben wir schon ausprobiert. Wir haben diese und letzte Woche ĂŒber die Raiffeisen Bank International geschrieben. Da hat sich niemand gemeldet. Auch mein VorgĂ€nger Christian Rainer hat betont, dass es nie Probleme gegeben hat. Ich glaube, dass sie keine Zeit dafĂŒr haben. Sie haben wohl andere Sorgen und nehmen es mit der Medienfreiheit durchaus ernst.

APA: Haben Sie abseits der Wirtschaft noch weitere inhaltliche KursÀnderungen geplant?

Thalhammer: Das Thema Politik ist eine starke Seite des “profil”, die ich noch mehr betonen möchte. Auch die digitale Transformation ist ein Riesenthema. Da ist in den vergangenen Jahren so manches liegen geblieben. Im Onlinebereich will ich unseren Lesern mehr aktuelle, schnelle, politische Berichterstattung anbieten können. Auch das Thema Paid-Content werde ich angehen, weil ich der Meinung bin, dass wir einen gesellschaftspolitischen Bildungsauftrag haben, der auch bezahlt werden muss.

APA: Es kommt also eine Onlinebezahlschranke?

Thalhammer: Ja, fĂŒr gewisse Sachen. Hier kommt es auf einen guten Mix an.

APA: Im “Interview in Zahlen” mit dem Magazin “Biber” haben sie gesagt, es gebe fĂŒnf gute Investigativjournalistinnen und -journalisten in Österreich. Ist Michael Nikbakhsh, der “profil” kĂŒrzlich nicht im Frieden verlassen hat, einer davon?

Thalhammer: Ich zÀhle ihn auf jeden Fall dazu. Er war einst mein Mentor.

APA: Ist zu befĂŒrchten, dass weitere Spitzenjournalisten das Magazin verlassen werden?

Thalhammer: Nein, das hoffe ich nicht. Ich hĂ€tte keine Anzeichen dafĂŒr.

APA: Nikbakhsh war fĂŒr den Aufbau einer Investigativakademie des Kurier Medienhaus vorgesehen. Daraus wird nun nichts. Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Thalhammer: Michael Nikbakhsh hat auch ein sehr gutes Programm vorgeschlagen. Ich finde es schade, dass es nicht zustande kommt. Konkrete PlÀne gibt es noch nicht, aber wir werden etwas Gutes entwickeln.

APA: Sie selbst standen wiederholt wegen kritischen Berichten im Rampenlicht und wurden auch schon angezeigt. Wie gehen Sie damit um?

Thalhammer: Angezeigt zu werden ist nicht besonders schön. Wenn man investigativ arbeitet, muss man sich ein BĂ€renfell wachsen lassen. Ich habe mir ĂŒber die Jahre eines angeeignet. Wenn ich jetzt sagen wĂŒrde, dass mich nichts belastet oder Ă€rgert, stimmt es aber auch nicht.

APA: FĂŒr Aufsehen sorgte zuletzt der Umgang von Chefredakteuren mit Vertretern der Politik. Mehrere traten wegen GrenzĂŒberschreitungen zurĂŒck, auch Rainer Nowak von der “Presse”, unter dem sie zur Chefreporterin wurden. Auf Twitter haben Sie ihm gedankt, dass sie sich unter ihm journalistisch gut entwickeln konnten. Hat er Ihrer Ansicht nach gehen mĂŒssen, oder gehört ein derartiger Umgang mit der Politik zum GeschĂ€ft dazu?

Thalhammer: Ich finde, das ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist schwierig, Menschen, die nicht auf diesem Parkett tanzen, zu erklĂ€ren, wie es hier lĂ€uft. Sehr viel funktioniert nur ĂŒber persönliche Kontakte, weil es dieses Land nicht gewohnt ist, einen professionellen Umgang zu pflegen. Das heißt aber nicht, dass es keine roten Linien gibt. Rainer Nowak ist einer der wenigen, der auch Konsequenzen gezogen hat und freiwillig gegangen ist. Da können sich einige andere ein Scheibchen abschneiden.

APA: Ist er fĂŒr die Branche nun generell abgeschrieben?

Thalhammer: Man muss die Kirche im Dorf lassen. Das waren ein paar Nachrichten, die geschrieben wurden, deren Inhalt nie RealitĂ€t wurde. Weil es darin auch um mich ging: Es hat diese Interventionen, von denen da gesprochen wurde, nicht gegeben. Die Staatsanwaltschaft hat selbst festgestellt, dass diese SMS nicht strafrechtlich relevant sind. Der Endbericht der Justiz war dann aber der trotzdem der Grund, warum Nowak gegangen ist – weil das Bild, das daraus entstanden ist, nicht mehr gestimmt hat. Er hat mit seinem RĂŒcktritt versucht, Schaden von seinem Lebenswerk abzuwenden: Der “Presse”. Nowak ist ein Mensch, der viel kann. Er hat die “Presse” in einem kaputten Zustand ĂŒbernommen und heute ist sie eines der wenigen rentablen QualitĂ€tsmedien. Er hat also Kompetenzen, die wertvoll sind. Ob er sie kĂŒnftig in der Medienbranche einbringt, weiß ich nicht.

APA: Kommen wir wieder zu Ihnen. Wie handhaben Sie den Umgang mit Politikern?

Thalhammer: Ganz prinzipiell halte ich mein Privatleben privat. Ich habe mit Ausnahme eines Wiener SPÖ-Bezirksrats keine Freunde in der Politik. Ich glaube also nicht, dass es in irgendeiner Weise zum Fallstrick werden könnte.

APA: Wie wĂŒrden Sie das derzeitige Klima zwischen Journalismus und Politik beschreiben?

Thalhammer: Es ist in den letzten Jahren schwierig geworden, was meiner Meinung nach mit der tĂŒrkis-blauen Ära zu tun hat. Es ist schon sehr passiv-aggressiv, manchmal auch offen aggressiv. Das muss nicht sein. Wenn man etwas mehr VerstĂ€ndnis dafĂŒr haben könnte, dass die jeweils andere Seite nur versucht, ihren Job zu machen, dann wĂ€re der Umgang leichter.

APA: Wie stufen Sie die gegenwĂ€rtigen Vorhaben der Medienpolitik ein? Stichworte: ORF-Haushaltsabgabe, neue QualitĂ€tsjournalismusförderung, verschĂ€rfte Transparenz bei Inseraten, Aus der “Wiener Zeitung” als Printtageszeitung.

Thalhammer: Die Medienpolitik in Österreich ist tatsĂ€chlich katastrophal, weil meistens einfach niemand eine betreibt. Jetzt eine ORF-Reform zu machen, ohne das Gesamtbild zu sehen, ohne eine inhaltliche Diskussion zu fĂŒhren, finde ich schwierig. Es wird singulĂ€r an dem einen oder anderen Eck gezogen, aber nicht das große Problem gelöst. Die Musikbranche musste sich in den letzten 15 Jahren drei Mal neu erfinden und die Medienbranche schafft es trotz Fördermillionen nicht. Das zeigt schon, dass es ein grundlegendes Problem gibt. Die Rahmenbedingungen, auch politischer Natur, fĂŒr eine sinnvolle Transformation, sind nicht gut genug.

APA: “profil” kĂ€mpft seit Jahren mit einem Auflagen- und Reichweitenverlust. Wie lĂ€sst sich der Trend umkehren?

Thalhammer: Das “profil” hat eine relativ schwere Zeit mit EigentĂŒmerwechsel und Übersiedlung hinter sich. Große strategische Entscheidungen – auch geschĂ€ftlicher Natur – wurden meiner Meinung darum zu wenig getroffen. Es gab keine klare Strategie, die man verfolgen hĂ€tte können, weil es diese Disruptionen gab. FĂŒr finanzielle Angelegenheiten ist primĂ€r unser GeschĂ€ftsfĂŒhrer Richard Grasl, den ich als sehr motiviert und ambitioniert erlebe und der auch schon einige PlĂ€ne hat, zustĂ€ndig. Ich bin froh, dass wir das “profil” und nicht eine große Tageszeitung nach vorne bringen mĂŒssen. Wir mĂŒssen einen kleinen, feinen Club etablieren, der uns mag. Das sollte uns retten können.

APA: Sie geben sich mit einem “kleinen, feinen Club” zufrieden, der aber wahrscheinlich grĂ¶ĂŸer sein sollte als jetzt?

Thalhammer: Es wĂ€re natĂŒrlich wĂŒnschenswert, wenn jeder einzelne Österreicher das “profil” am Tisch liegen hĂ€tte, es ist nur unrealistisch. Das “profil” lesen Leute, die noch bereit sind, gesellschaftspolitische Debatten in der Tiefe zu fĂŒhren. Das sind etwa auch Meinungsbildner und EntscheidungstrĂ€ger. Und die möchte ich wieder vermehrt erreichen.

(Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Lukas Wodicka/APA)

APA/Red.

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