Lederer verteidigt Vorgehen nach Weißmann-Rücktritt
ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer weist Kritik am Vorgehen der Gremienspitze nach dem Rücktritt von Roland Weißmann zurück.
Nach dem Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat der Vorsitzende des ORF-Stiftungsrat, Heinz Lederer, das Vorgehen der Gremienspitze verteidigt und umfassende Aufklärung angekündigt. In Interviews im Mittagsjournal sowie in der ZiB2 betonte Lederer, dass sowohl der Schutz einer betroffenen Mitarbeiterin als auch eine vollständige Klärung der Vorwürfe im Mittelpunkt stehen müssten.
Ausgangspunkt der Vorwürfe
Auslöser der aktuellen Entwicklung seien laut Lederer vorliegende Dokumente, die schriftliches Material sowie Ton- und Bildinhalte umfassen. Diese würden Vorwürfe gegen Weißmann darstellen. Ob und in welchem Ausmaß diese Inhalte belastbar sind, müsse jedoch erst überprüft werden. Weißmann selbst habe – so Lederer – ein „erhöhtes Maß an Aufklärungsarbeit“ zu leisten. Es liege nun an ihm, zu klären, wie nachhaltig die vorliegenden Dokumente tatsächlich seien. Zugleich gelte selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Ein erster Schritt sei die Befassung der internen Compliance-Stelle gewesen. Dort werde in den kommenden Tagen eine Einschätzung erwartet.
Rücktritt freiwillig erfolgt
Der Rücktritt Weißmanns sei laut Lederer freiwillig erfolgt. Es sei richtig gewesen, jemandem, der bisher als unbescholten galt, zunächst die Möglichkeit zu geben, selbst zu reagieren. Dass Weißmann letztlich den Rücktritt erklärt habe, sei „im Interesse des Unternehmens“ gewesen und ihm „hoch anzurechnen“. Der frühere Generaldirektor gilt derzeit als beurlaubt. Der Stiftungsrat will sich am Donnerstag erneut mit der Situation befassen und über weitere Schritte entscheiden.
Schutz der Betroffenen
Lederer betonte mehrfach, dass der Schutz der betroffenen Mitarbeiterin oberste Priorität habe. Es handle sich um hochpersönliche Angelegenheiten, weshalb bestimmte Informationen nicht öffentlich gemacht werden könnten. Persönlichkeitsrechte müssten gewahrt bleiben. Gleichzeitig müsse der Sachverhalt vollständig aufgeklärt werden. Vertuschen werde es nicht geben. Sollten sich Vorwürfe als zutreffend erweisen, würden entsprechende Konsequenzen gezogen. Nach Lederers Angaben habe der Anwalt der betroffenen Mitarbeiterin Gespräche angestrebt, um die Angelegenheit zu klären. Zu deren Inhalt könne er aus Gründen des Personenschutzes nichts sagen. Eine Einigung dürfte jedoch nicht zustande gekommen sein.
Kritik aus dem Stiftungsrat
Kritik kam unter anderem von Stiftungsratsmitglied Peter Westenthaler. Dieser warf Lederer und der Stiftungsratsführung vor, das Gremium übergangen und Entscheidungen im Alleingang getroffen zu haben. Westenthaler sprach in diesem Zusammenhang von möglichen Rücktrittsgründen. Lederer wies diese Kritik zurück. Angesichts der sensiblen Materie und des Schutzes einer betroffenen Person sei ein rasches Vorgehen gerechtfertigt gewesen. Er selbst sehe keinen Anlass für einen Rücktritt und forderte Westenthaler zugleich auf, die Situation nicht für parteipolitische Interessen zu nutzen.
Diskussion über Vorgehen
Im Interview mit Armin Wolf in der ZiB2 wurde auch die Frage aufgeworfen, ob in einem solchen Fall nicht eine Suspendierung des Generaldirektors sowie eine unabhängige Untersuchungskommission üblich wären. Lederer verwies dabei erneut auf die Unschuldsvermutung und darauf, dass zunächst überprüft werden müsse, ob die vorliegenden Materialien authentisch sind. Im Zeitalter moderner Technologien müsse auch ausgeschlossen werden, dass Inhalte etwa mithilfe von Künstlicher Intelligenz manipuliert wurden. Weißmann sei daher aufgefordert worden, zu prüfen, ob die vorliegenden Bilder, Audioaufnahmen oder Texte echt seien. Diese Überprüfung habe er laut Lederer wohl nicht (oder zu spät) durchgeführt – in der Folge habe Weißmann selbst die Konsequenzen gezogen und seinen Rücktritt erklärt.
Maßnahmen gegen Vertrauensverlust
Der Stiftungsrat will laut Lederer Maßnahmen setzen, um möglichen Vertrauensverlust im Unternehmen zu begegnen. Geplant sei unter anderem die Einrichtung einer Taskforce, die sich mit der Unternehmenskultur im ORF befassen soll. Dabei gehe es nicht um eine nachträgliche Aufarbeitung alter Einzelfälle – dafür gebe es bereits Instrumente wie die Compliance-Stelle oder eine Whistleblower-Hotline. Vielmehr solle untersucht werden, ob strukturelle Probleme oder Fehlentwicklungen in der Vergangenheit existierten und welche Lehren daraus gezogen werden können. Die Taskforce solle nicht nur aus Mitgliedern des Stiftungsrats bestehen, sondern auch mit externen, hochrangigen Persönlichkeiten besetzt werden. Lederer zeigte sich zuversichtlich, dass eine Mehrheit im Stiftungsrat diesem Vorschlag zustimmen werde.
Auswirkungen auf den ORF
Die aktuelle Situation sei für viele Mitarbeiter belastend, sagte Lederer. Gerade weil Quoten und Bewertungen der Informationssendungen derzeit gut seien, tue es ihm leid, dass der ORF durch die Debatte an Vertrauen verlieren könnte. Auch im Zusammenhang mit der anstehenden Wahl einer neuen ORF-Führung betonte er, dass grundsätzlich sowohl Männer als auch Frauen in Frage kämen. Entscheidend sei letztlich, wer oder welcher Kandidat als beste Lösung für das Unternehmen angesehen werde. Unterstützung für das aktuelle Vorgehen habe es laut Lederer sofort gegeben: Ingrid Thurnher habe in der Situation nicht gezögert, die interimistische Leitung anzunehmen. Offiziell wird darüber am Donnerstag entschieden.
(red)