Berlusconi-Besen kehrt: PULS 4 krempelt Redaktion um
Die redaktionelle Führung von ProSiebenSat.1 in Österreich steht auf dem Prüfstand. Neun Positionen wurden neu ausgeschrieben.
Wer künftig die Nachrichten und Magazine von PULS 4, PULS 24 und ATV verantwortet, ist noch offen. Fest steht allerdings, was die neue Chefredaktion verdienen soll: 110.000 Euro Jahresbrutto. ProSiebenSat.1 PULS 4 schreibt insgesamt neun redaktionelle Führungspositionen neu aus. Auch bisherige Führungskräfte müssen sich erneut bewerben.
Die wichtigste Stelle ist jene der übergeordneten Chefredaktion. Sie soll künftig die journalistische Gesamtverantwortung für PULS 24, PULS 4, ATV, ATV 2 und Joyn übernehmen. Zwei weitere Positionen betreffen die Ressortleitungen „News und Talk“ sowie „Magazine und Sport“. Dafür sind jeweils mindestens 90.000 Euro Jahresbrutto vorgesehen.
Fünf Formatverantwortliche für Talk, Treffpunkt Österreich, Sport, News und Café Puls sollen jeweils mindestens 65.000 Euro verdienen. Auch die Position des Redaktionsmanagers ist mit 65.000 Euro dotiert, allerdings ohne Überzahlungsmöglichkeit. Die Bewerbungsfrist endet am 16. November. Der Dienstbeginn ist für Anfang Februar 2027 geplant.
Neue Struktur für TV und Streaming
Hinter dem Umbau steht eine neue Audience-First-Strategie. Inhalte sollen künftig stärker plattformübergreifend geplant und produziert werden. Joyn soll dabei als digitales Zuhause der journalistischen Angebote dienen. Die neue Chefredaktion soll gemeinsam mit Infodirektorin Corinna Milborn eine integrierte, daten- und KI-gestützte Redaktionsstruktur entwickeln. Milborns Position bleibt von der Neuausschreibung ausdrücklich ausgenommen.
Zu den zuletzt öffentlich ausgewiesenen Führungskräften zählen Lisa Fritsch als Chefredakteurin Talk und Andreas Rossmeissl als Politikchef sowie stellvertretender Chefredakteur. Rudolf Wiedner stand zuvor an der Spitze des Newsrooms. Diese bisherigen Funktionen werden durch die neue Struktur ersetzt oder neu zugeschnitten.
Das Auswahlverfahren soll teilweise anonymisiert ablaufen. Die Bewerber müssen Konzepte einreichen, die zunächst ohne Namensnennung von der externen Agentur Storytime Media geprüft werden. Erst bei den Hearings werden die Identitäten offengelegt. Die Neuausschreibung soll keine Kritik an der bisherigen Arbeit sein. Wer seine Position nicht wieder erhält, soll nach Möglichkeit eine andere Aufgabe im Unternehmen übernehmen. Einen Stellenabbau bezwecke die Neuorganisation laut Unternehmen nicht. Davon zu unterscheiden ist ein bereits im Februar angekündigtes Effizienzprogramm, das in Österreich bis zu 45 Arbeitsplätze betraf.
Berlusconi-Konzern im Hintergrund
Der Umbau findet unter einem neuen internationalen Eigentümer statt. Seit September 2025 ist der italienische Medienkonzern MFE – MediaForEurope Mehrheitsaktionär von ProSiebenSat.1. Er hält 75,61 Prozent der Anteile. MFE steht unter dem Einfluss der Fininvest-Holding der Familie des verstorbenen Silvio Berlusconi. Geführt wird der Konzern von dessen Sohn Pier Silvio Berlusconi.
MFE bündelt Medienaktivitäten in Italien, Spanien, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Portugal. In Italien gehören unter anderem Canale 5, Italia 1 und Rete 4 zum Konzern, in Spanien Telecinco und Cuatro. In Deutschland betreibt ProSiebenSat.1 Sender wie ProSieben, SAT.1 und kabel eins sowie die Streamingplattform Joyn.
Die österreichischen Aktivitäten sind in der ProSiebenSat.1 PULS 4 GmbH gebündelt. Sie gehört über die Seven.One Entertainment Group zur deutschen ProSiebenSat.1 Media SE und damit mittelbar zu MFE. Geschäftsführer der österreichischen Gesellschaft sind Thomas Gruber und Bernhard Albrecht. Auf Konzernebene führt Marco Giordani ProSiebenSat.1 seit Oktober 2025 als CEO. Er folgte auf Bert Habets, der im Zuge der Übernahme ausschied.
MFE hatte seine Beteiligung bereits 2019 aufgebaut und schrittweise erweitert. Nach der wettbewerbsrechtlichen Freigabe in Österreich im Februar 2024 unter Auflagen wurde die Übernahme im September 2025 vollzogen. Die österreichischen Verpflichtungen betreffen unter anderem die eigenständige Werbevermarktung und den Schutz der redaktionellen Unabhängigkeit. Auch die Besetzung von Geschäftsführung und Chefredaktion ist Teil der Berichtspflichten gegenüber der Bundeswettbewerbsbehörde. Wer künftig Fernsehen und Streaming redaktionell verantwortet, soll Anfang Februar 2027 feststehen.
(red)



