Faktencheck-Konferenz: Demokratie braucht Medienbildung
In der vierten Auflage der APA-Fachkonferenz „The Future of Fact Checking“ beleuchteten Expert:innen die Notwendigkeit von Nachrichtenkompetenz als Mittel gegen Desinformation.
Spezieller Fokus der Fachtagung lag dieses Mal auf dem Thema Medienbildung. In mehreren Panels und einer Keynote von Martin Puntigam widmeten sich Expertinnen und Experten, moderiert von ORF-Journalist Stefan Lenglinger, dem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eröffnet wurde die Konferenz von der Vorsitzenden der APA-Geschäftsführung Maria Scholl, die in ihren einleitenden Worten betonte, es gebe kaum zwei Themen, die durch die ständige Verfügbarkeit von KI stärker auf den Kopf gestellt worden seien als Medien und Bildung. „Wir brauchen Skepsis. Aber dringender brauchen wir Journalismus. Und noch dringender brauchen wir Vertrauen, das sich nach ein bisschen gesunder Skepsis einstellt“, so Scholl. Die Gesellschaft sei angewiesen auf Geschichten, die auf Fakten basieren, auf Meinungen, die auseinandergehen, aber im Kern auf einer gemeinsamen Realität basieren, und auf unmittelbare Zeugenschaft von Dingen.
In der anschließenden Keynote zeigte Kabarettist, Schauspieler und „Science Buster“ Martin Puntigam auf anschauliche und humoristische Art und Weise, wie einfach es ist, Verschwörungsgeschichten zu erzählen. Dagegen vorzugehen und auf die Arbeit und Rolle von Wissenschaft hinzuweisen, sei das Ziel der „Science Busters“. Warum das wichtig ist, erklärte Puntigam so: „Wissenschaft ist wie ein Systemprogramm für fast alles, es läuft oft unbemerkt im Hintergrund. Viele Menschen wollen davon aber nichts mehr wissen und präsentieren stattdessen lieber alternative Fakten, eigene Recherchen. Eine Behauptung ist schnell aufgestellt, aber sehr schwer widerlegt. Deshalb muss man den Menschen von Wissenschaft erzählen und auch davon, dass es einen Fachausdruck für alternative Fakten gibt – nämlich Lügen.“
Warum braucht es Medienbildung?
Im anschließenden ersten Panel des Tages diskutierten Helmut Brandstätter, Mitglied des Europäischen Parlaments (NEOS), Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin Saferinternet.at, Manuela Grünangerl, Kommunikationswissenschaftlerin, Universität Salzburg, Oliver Scheibenbogen, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe, Sigmund Freud Privatuniversität und Martin Puntigam die Frage, wofür es Medienbildung eigentlich braucht.
Um diese Frage zu beantworten, zitierte Grünangerl die von ihr mitverfasste österreichische „Digital Skills“-Studie, der zufolge zwar 70 Prozent der Befragten angaben, dass Desinformation ein großes Problem sei, die aber umgekehrt nicht gut darin waren, diese auch zu erkennen. Dafür brauche es Medienkompetenz, die auch in vielen anderen Bereiche positive Effekte hätte: „Medienkompetenz ist eine klassische Querschnittsmaterie, die in vielen Lebenslagen helfen kann“, so Grünangerl. Man müsse sich dabei, so die Wissenschaftlerin weiter, auch von der Defiziterzählung verabschieden und Menschen aufzeigen, welche Vorteile sie davon haben, wenn sie Informationen nachrecherchieren. Puntigam ergänzte, dass die Vermittlung von Wissenschaft als Basis der Gesellschaft stärker verankert werden müsse: „Das ist wie beim Ethikunterricht, wenn der nicht in allen Fächern eine Rolle spielt, dann braucht man ihn nicht.“
Zu den psychologischen Ursachen von Falschinformationen hielt Psychologe Scheibenbogen zunächst fest: „Wir Menschen sind von Grund auf bequem und neigen dazu, nur Überschriften zu lesen und Dinge einfach stehen zu lassen. Nur wenn es für uns besonders relevant ist und wir die notwendigen Ressourcen haben, schauen wir hinter die Kulissen.“ Diese Bequemlichkeit habe ihre Ursache auch in der hohen Geschwindigkeit, mit der sich unsere Gesellschaft bewegt. Man müsse sich aktiv Zeit nehmen, so Scheibenbogen, das tun viele aber nicht, auch der gesellschaftliche Austausch komme zunehmend zu kurz. Die Wichtigkeit von persönlichen Gesprächen und gesellschaftlichem Diskurs war panelübergreifend ein wiederkehrendes Thema des Tages.
Buchegger betonte etwa, dass unterschiedliche Generationen hier verschiedene Skills hätten: „Gerade Jugendliche haben oft ein gutes Bauchgefühl dafür, ob sie einen Beitrag glauben können oder nicht. Das passiert in der ersten Zehntelsekunde eines Videos. Der nächste Schritt des Überprüfens ist aber mühsamer. Hier fehlt oft die Kompetenz, wo ich denn nachschauen könnte, ob eine Information stimmt. Dieses Wissen hätten aber andere Generationen, die dafür das Bauchgefühl weniger haben. Das müssen wir zusammenbringen.“
Die regulatorischen Möglichkeiten, um mehr für Medienbildung zu tun und Desinformation zu bekämpfen, spielten ebenfalls eine Rolle. Hier hob EU-Abgeordneter Brandstätter hervor, dass hinter Desinformation häufig auch politische Interessen stünden. „Es geht häufig darum, Angst zu machen, das hilft gewissen politischen Aktivisten. Auf der anderen Seite stehen wirtschaftliche Interessen. Eine Expertin in einem unserer Ausschüsse hat folgenden einfachen Satz geprägt: Das Businessmodell der amerikanischen Plattformen heißt Hass“, so Brandstätter. Im Zusammenhang mit strengeren Regeln für Plattformen betonte er, dass es nicht um Zensur oder das Verhindern von Meinungen gehe, sondern darum, Desinformation Fakten entgegenzustellen.
Medienbildung in der Praxis
Vor dem Beginn des zweiten Panels stellten Christina Schwaha und Stefan Rathmanner vom Faktencheck-Team der APA die Initiative CheckBar vor, die sich gezielt an Jugendliche und Lehr:innen richtet und vermitteln soll, wie Fake News erkannt werden können. Der Grundgedanke: „Alles ist checkbar, und jeder kann lernen, Fake News zu enttarnen“, so Schwaha. Das modular aufgebaute Programm informiert über Inhalte wie die Grundlagen des Faktenchecks, die Erkennung von KI-Inhalten und die Suche in Archiven. Die Inhalte sind dabei nicht für bestimmte Schulfächer gestaltet, sondern so aufbereitet, dass sie breit einsetzbar sind.
Im darauffolgenden Panel gaben Vanessa Bitter, Geschäftsführerin der deutschen Nachrichtenkompetenzinitiative #UseTheNews, Bettina Emmerling, Wiener Vizebürgermeisterin und Bildungsstadträtin (NEOS), Florian Schmidt, Verification Officer und Leiter von APA-Faktencheck sowie Johannes Knierzinger, Forum MedienBildung.at und Lehrer für digitale Grundbildung weitere Einblicke in die Praxis der Medienbildung, einerseits in Schulen, aber auch darüber hinaus. Emmerling hielt fest, dass es extrem wichtig sei, Medienbildung bei Schüler:innen zu verankern: „Wir bekommen mit Medienbildung und Demokratie ein neues Fach, das ich für ganz wesentlich halte. Man darf nicht vergessen, dass Schülerinnen und Schüler mit 16 zur Wahl gehen dürfen, dafür muss man ihnen das notwendige Rüstzeug mitgeben.“
Bitter wies darauf hin, dass die Thematik auch fächerübergreifend gedacht werden müsse: „Nachrichten- und Medienkompetenz ist eine Querschnittsaufgabe. Deshalb setzen wir uns stark dafür ein, das insgesamt im Schulalltag sichtbar zu machen und dabei auch nahe an der Lebensrealität der Schüler:innen zu bleiben.“ Diese Nähe sollte sich, so Bitter weiter, auch dadurch auszeichnen, mit Schüler:innen bewusst in den Dialog zu treten. „Aus unserer Sicht ist am wirksamsten, Schülerinnen und Schüler dazu zu motivieren, mitzumachen und Inhalte auch selbst mit zu erstellen“, so Bitter.
Zu einem Social Media Verbot etwa für unter 14-Jährige, das in Österreich geplant ist, gab es differenzierte Meinungen. Im Schulkontext hielt Knierzinger zunächst fest: „In unserer Schule haben wir das Glück, schon länger ein Handyverbot zu haben, was sehr wichtig ist. Um Medienbildung zu machen, brauchen wir diesen Freiraum.“ Beim Medienbildungsunterricht bestehe zudem die Gefahr der „Produktschulung“, wenn einseitig auf Dienste bestimmter Unternehmen zurückgegriffen werde. Beim Thema Social Media gehe es grundsätzlich darum, Plattformen die Verantwortung für das zu übertragen, was dort passiert, so der Pädagoge.
Das allgegenwärtige Thema KI war ebenfalls Teil der Diskussion. Hier plädierte APA-Faktenchecker Schmidt, darüber zu informieren, welche Technik hinter den aktuellen Chatbots eigentlich stecke. „Es gibt die verbreitete Meinung, dass es hier um eine Superintelligenz geht – das glauben nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch viele Erwachsene. Wenn man ihnen dann zeigt, dass das alles einfach Wahrscheinlichkeiten sind, dann fällt vielen erst einmal die Kinnlade herunter.“ Deshalb müsse auch in Richtung AI Literacy mehr gemacht werden, so Schmidt, denn die Menschen müssten verstehen, mit welchen Tools sie hier arbeiten.
Gefahren durch Desinformationen
Das letzte Panel der Konferenz behandelte Gefahren, die Desinformation für Unternehmen und Organisationen bedeuten können. Ingrid Kiefer, Leiterin Risikokommunikation der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES, Florian Maringer,Geschäftsführer Windkraft Österreich, und Markus Schwinghammer, Gründer Disinfo Consulting, diskutierten dabei über Themen wie wirtschaftliche Schäden von Desinformationskampagnen und asymmetrische Voraussetzungen bei der Bekämpfung von Falschinformationen.
Für die AGES sei Desinformation bereits seit einigen Jahren ein großes Thema, erklärte Kiefer. „Wir sind eine Organisation, die Krisen- und Risikokommunikation unter anderem zu Futter- oder Lebensmitteln machen muss, und da ist Vertrauen ein ganz wichtiger Punkt. Wenn das nicht da ist, weil Falschinformationen zu bestimmten Produkten kommuniziert werden, dann haben wir einen immensen Aufwand, das richtigzustellen“, so die AGES-Kommunikationsexpertin. Um dieses Vertrauen zu gewinnen, versuche die Organisation, ehrlich zu kommunizieren und auch auf Unsicherheiten hinzuweisen. Dass Falschinformationen jedenfalls eine große Gefahr darstellen, verdeutliche auch der Risikoreport der Vereinten Nationen, denn dort, so Kiefer, stehe das Thema mittlerweile ganz vorne.
Wirtschaftliche Auswirkungen gibt es auch beim Thema Windkraft. „Durch Desinformation sind in den letzten zwei bis drei Jahren mehr als zweieinhalb Terawattstunden Stromerzeugung vernichtet worden“, so Maringer, der sich dabei auf Windkraftprojekte bezieht, die wegen falscher Informationen verhindert wurden. Kontroversen gebe es bei einem vergleichsweise kleinen Teil: „Wir haben derzeit ungefähr 120 Windparkprojekte in Genehmigung, von denen bekommt man nichts mit. Dann gibt es einzelne, bei denen man viel bekommt und es total eskaliert – dort muss man hinschauen.“ In einer Umfrage, die Windkraft Österreich vor einem Jahr in Auftrag gegeben hat, sei herausgekommen, dass nur acht Prozent der Befragten radikal gegen Windkraft seien, der Rest ist vor allem an Informationen interessiert. Die acht Prozent würden aber unter anderem durch Social Media als Brandbeschleuniger fungieren, führte Maringer aus.
Sind solche Desinformationskampagnen erst im Laufen, sind sie schwer oder nur sehr kostspielig wieder zu stoppen. Schwinghammer meinte dazu: „Das Erstellen von Desinformation ist extrem leicht und kostengünstig, die Abwehr ungleich teurer. Hier gibt es eine Asymmetrie.“ Gesetze wie der Digital Services Act würden zwar helfen, die Prozesse, die dahinter stünden, seien aber teilweise sehr langsam, so Schwinghammer. „Eine Challenge ist, den Nährboden zu verstehen, auf dem Mis- und Desinformation wächst. Da geht es um Misstrauen, Vertrauensverlust, aber auch Unsicherheit in der Bevölkerung“, so Schwinghammer. Ein Fehler wäre jedenfalls, fügte er hinzu, Menschen, die Misinformationen glauben und weiter verbreiten, pauschal abzuwerten.
(Entgeltliche Einschaltung)
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