So wollen die Bewerber den ORF gestalten
Sechs der 13 ORF-Kandidaten haben sich am Dienstag bereits öffentlich positioniert – und dabei mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gezeigt.
Drei Auftritte an einem Tag, ein dichtes mediales Bewerbungsprogramm und mehrere Bühnen für dieselbe Grundsatzdebatte – und dennoch blieb nach diesem Dienstag vor allem ein Eindruck zurück: Die Kandidaten für den ORF-Chefsessel trennen derzeit weniger ihre Ziele als die Wege dorthin.
Der Takt des Tages war dabei fast schon programmatisch. Vormittags die Runde beim Fachverband der Film- und Musikwirtschaft in der Wirtschaftskammer, danach die TV-Aufzeichnung bei ProSiebenSat.1 PULS 4 auf Joyn, am Abend das Funkhaus auf Einladung von NEOSLab. Unterschiedliche Räume, unterschiedliche Publikumsschichten – aber inhaltlich erstaunlich wenig Reibung:
Österreichische Inhalte. Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Jüngere Zielgruppen. Wirtschaftliche Stabilität. Journalistische Unabhängigkeit. Die Reihenfolge variiert, die Formel bleibt gleich.
Insgesamt geht es um 13 Kandidaten, ausgewählt über die Findungskommission des ORF-Stiftungsrats. Sechs von ihnen standen am Dienstag öffentlich im Austausch – als Teil eines Verfahrens, das am Ende wohl weniger zu einer Entscheidung zwischen völlig unterschiedlichen Zukunftsbildern führt, sondern eher zu der Frage, wem man zutraut, den ORF durch eine Zeit des Umbruchs zu navigieren.
Die mediale Herkunft der Bewerber ist breit gestreut, ihr Vokabular dagegen recht einheitlich. Sichtbar wird der Unterschied erst dort, wo sich zeigt, wie unterschiedlich der ORF aus diesen Perspektiven verstanden wird. Und wie sehr Systemnähe oder Systemferne als Vorteil betrachtet wird.
Am deutlichsten tritt dieser Gegensatz bei Clemens Pig – seit Jahren APA-Chef und inzwischen klarer Topfavorit im Rennen um den ORF-Generaldirektorposten – hervor. Seine Bewerbung steht für institutionelle Stabilität und journalistische Absicherung. Entsprechend argumentiert er mit dem Anspruch, Redaktionen als „Bollwerk“ gegen politische Einflussnahme zu stärken – gestützt auf seine langjährige Erfahrung im Umgang mit genau diesen Strukturen.
Gleichzeitig begleitet ihn die Debatte über politische Nähe. Besonders sichtbar wurde das in einer Konfrontation mit Johannes Larcher, der ihn im TV-Format als „Systemkandidaten“ bezeichnete. Pig reagierte darauf mit dem Vorwurf einer „bodenlosen Frechheit“ – eine der wenigen zugespitzten Sequenzen des Tages. Seine Antwort auf die Kritik: Unabhängigkeit lasse sich nicht behaupten, sondern müsse organisatorisch abgesichert werden, etwa durch eine modernisierte Führungs- und Direktionsarchitektur.
Larcher selbst, mit Stationen bei HBO Max und Hulu, denkt den ORF stärker aus einer Plattform- und Internationalisierungsperspektive: global geprägt, aber konsequent auf den österreichischen Markt bezogen. „Da kann kein HBO, kein Netflix mit“, sagte er mit Blick auf österreichische Inhalte.
ORF 1 gilt für ihn als Sorgenkind der Sendergruppe. Dort brauche es mehr Experimente, eine deutlichere programmliche Zuspitzung und insgesamt eine stärkere Ausrichtung auf Unterhaltung, um jüngere Zielgruppen überhaupt wieder nachhaltig zu erreichen. Auch an einzelnen Informationsformaten des ORF übt Larcher Kritik. Gerade bei der „ZiB2“ ortet er Grauzonen, in denen nicht mehr klar erkennbar sei, wo Information endet und Meinung beginnt.
Larchers Fokus liegt zudem auf digitalen Kanälen – Inhalte für jüngere Zielgruppen sollen seiner Vorstellung nach stärker auf Plattformen wie YouTube und TikTok ausgespielt werden.
Markus Breitenecker, geprägt durch das Privatfernsehen bei ProSiebenSat.1 PULS 4, argumentiert konsequent unternehmerisch. Der ORF müsse aus einer „Teufelsspirale der schlechten Stimmung“ herausgeführt werden – über Inhalte, aber ebenso über Struktur und Erlösmodelle. Dazu zählt er ausdrücklich die kommerzielle Nutzung bestehender Infrastruktur, etwa des großen Studios im ORF-Zentrum, ebenso wie neue Einnahmequellen. ORF ON ist für ihn der zentrale strategische Baustein, Kooperationen mit Privaten keine Option, sondern Voraussetzung.
Ein spannungsgeladener Moment entstand, als ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer auf frühere Formate aus Breiteneckers Privat-TV-Zeit verwies, darunter „Geschäft mit der Liebe“. Seine knappe Antwort: Die Sendung sei „furchtbar“, aber nicht von ihm selbst entwickelt worden.
Die internen Kandidatinnen – neben Totzauer auch Kathrin Zierhut-Kunz, Geschäftsführerin von ORF III – stehen für die Binnenlogik des Hauses. Beide argumentieren aus der Organisation heraus, mit Fokus auf Umsetzbarkeit, Programmrealität und Kontinuität. Totzauer verbindet ihre ORF-Erfahrung mit konkreten programmlichen Verschiebungen, etwa einer stärkeren österreichischen Prägung auch im Radiobereich und dem Ziel, den Österreich-Anteil bei Ö3 zu erhöhen.
Kathrin Zierhut-Kunz betont dagegen, dass Veränderung nur dann funktioniert, wenn man die Strukturen kennt, in denen sie umgesetzt werden soll. Gleichzeitig macht sie keine Illusionen über die Sparpläne von nahezu 100 Millionen Euro jährlich: Das werde massive Eingriffe ins Programm bedeuten, mit stärkerer Fokussierung auf Kultur und Information.
Auch Ex-ORF-Managerin Petra Höfer befindet sich unter den 13 verbliebenen Kandidaten, trotz früherer Konflikte mit dem Haus. Sie argumentiert mit persönlicher Bindung an den ORF und dem Anspruch, Vertrauen, Glaubwürdigkeit und – wie einige ihrer Mitbewerber – junge Zielgruppen zurückzugewinnen.
Einen anderen Schwerpunkt setzt eXXpress-Herausgeberin Eva Schütz, die den ORF stärker als Frage von Struktur und Steuerung versteht. Für sie stehen weniger einzelne Programme im Vordergrund als klare Organisations- und Gehaltsstrukturen sowie eine konsequente Ausrichtung auf österreichische Inhalte. Mehr Eigenproduktionen und ein offenerer Wettbewerb auch für private Produzenten gehören zu ihren zentralen Forderungen.
Am Ende deutet jedoch vieles darauf hin, dass der Stiftungsrat weniger zwischen völlig unterschiedlichen Programmen entscheiden muss, sondern zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von Steuerung: zwischen Innen- und Außenperspektive, zwischen Strukturvertrauen und Strukturkritik, zwischen Reform aus Erfahrung und Reform aus Distanz.
Oder anders gesagt: Nicht die Diagnose des Problems trennt die Kandidaten – sondern das Vertrauen in die eigene Lösungskompetenz.