Nachschlag zum Weltfrauentag
Trotz jahrelanger Debatten über Gleichstellung steht 2026 kein einziges börsennotiertes Unternehmen in Österreich unter weiblicher Führung.
Nur einmal im Jahr über die prekäre Situation der Frauen zu schreiben ist zu wenig. Am Weltfrauentag dem 8.März haben sich die Medien förmlich überpurzelt, wie wichtig doch die Frau, ihre Stellung in der Gesellschaft, Wirtschaft und sozial ist. Danach kann man alles für ein Jahr wieder tot schweigen. Deswegen bringt ExtraDienst just jetzt einen weiteren Beitrag zum Thema „Keine Frau an der Spitze“.
Rund um den Weltfrauentag veröffentlichte Studien zeigen, dass die Gleichstellung in Österreichs Unternehmen weiterhin nur langsam vorankommt. Besonders deutlich wird das in den Führungsetagen börsennotierter Unternehmen: Dort sind Frauen nach wie vor selten vertreten, und in manchen Bereichen stagniert die Entwicklung sogar.
Im Jahr 2026 steht kein einziges Unternehmen im ATX unter weiblicher Führung. Auch im erweiterten Kreis der 55 im Wiener Börse Index (WBI) gelisteten Unternehmen findet sich derzeit keine Frau in der Position der CEO. Zudem haben 30 WBI-Unternehmen keinen weiblichen Vorstand, und bei neun der zwanzig ATX-Konzerne ist ebenfalls keine Frau im Vorstand vertreten. Insgesamt liegt der Frauenanteil in den Vorständen der ATX-Unternehmen bei lediglich 13,8 Prozent.
Etwas ausgewogener präsentiert sich die Situation in den Aufsichtsräten. Dort beträgt der Frauenanteil in den ATX-Unternehmen aktuell rund 37 Prozent. Damit wird die gesetzlich vorgeschriebene Quote von 30 Prozent derzeit erfüllt. Ab dem 30. Juni 2026 gilt jedoch eine neue Regelung: Für börsennotierte Unternehmen wird eine Mindestquote von 40 Prozent Frauen im Aufsichtsrat vorgeschrieben.
Langsame Entwicklung gemischter Führung
Der erstmals veröffentlichte Merit-Report zeigt deutlich, wie gering der Anteil von Frauen in den Führungsetagen österreichischer börsennotierter Unternehmen weiterhin ist. Gleichzeitig macht die Analyse sichtbar, wie langsam sich gemischte Führungsteams in Österreich entwickeln. Laut Bericht wirken strukturelle Muster häufig stärker als gute Vorsätze. Gerade börsennotierte Unternehmen hätten jedoch eine wichtige Vorbildfunktion für andere Organisationen.
Ulrike Farnik, Gründerin und Vorstand von Merit Austria, betont, dass der Bericht vor allem durch Fakten und Diskussionen dazu beitragen soll, gemischte Führung schneller zur Realität zu machen. Schließlich könne es sich keine Volkswirtschaft leisten, auf das Potenzial der Hälfte der Talente zu verzichten. Merit Austria setzt sich dabei für das Prinzip der Meritokratie ein – also dafür, Führungspositionen nach Leistung, Kompetenz und Potenzial zu vergeben, unabhängig vom Geschlecht.
Auch Maria Rauch-Kallat, Beirätin von Merit Austria, verweist auf zahlreiche Studien, die zeigen, dass gemischte Teams in Unternehmen nachweislich erfolgreicher arbeiten. Der Merit-Report soll daher regelmäßig eine Bestandsaufnahme liefern und gleichzeitig das Bewusstsein für das Thema stärken. Mit dem erstmals veröffentlichten Ranking gibt es nun eine solide Ausgangsbasis, um Entwicklungen in den kommenden Jahren systematisch zu verfolgen. Geplant ist, den Bericht künftig jährlich zu veröffentlichen.
Transparenz durch ein Bewertungssystem
Der Bericht dokumentiert die Geschlechterverteilung in Vorständen und Aufsichtsräten der untersuchten Unternehmen. Um die Ergebnisse übersichtlich darzustellen, werden die Firmen in einem Ampelsystem in grüne, gelbe und rote Kategorien eingeteilt. Dadurch lässt sich schnell erkennen, wo gemischte Führung bereits umgesetzt wird und wo noch deutlicher Nachholbedarf besteht.
Die Methodik orientiert sich an der Vorgehensweise der AllBright-Stiftung, wodurch auch internationale Vergleiche möglich sind. Dabei zeigt sich, dass Österreich deutlich hinter anderen Ländern zurückliegt. Während hierzulande nur knapp 14 Prozent der Vorstandspositionen von Frauen besetzt sind, liegt der Anteil in Großbritannien bei rund 34 Prozent. Frankreich und die USA kommen jeweils auf etwa 31 Prozent, Schweden auf rund 27 Prozent und Deutschland auf etwa 26 Prozent.
Finanzbranche vorne, Technologie ohne Frauen
In Österreich erreicht derzeit keine Branche ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen in den Vorständen. Am besten schneidet noch der Bereich „Finanz und Immobilien“ ab, wo Frauen rund 19 Prozent der Vorstandsposten innehaben. Am anderen Ende der Skala steht die Technologie- und Kommunikationsbranche, in der derzeit überhaupt keine Frau in einem Vorstand vertreten ist.
Gemischte Führung als Ziel
Langfristig setzt sich Merit Austria für Führungsteams ein, die aus Frauen und Männern gleichermaßen bestehen. Solche gemischten Teams gelten als wichtige Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg und eine nachhaltige Entwicklung von Organisationen.
Jakob Ehrenbrandtner, ebenfalls im Vorstand von Merit Austria, weist darauf hin, dass gemischte Führungsteams nicht nur symbolische Bedeutung hätten. Sie verbesserten die Qualität von Entscheidungen, stärkten die Widerstandsfähigkeit von Organisationen und erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass talentierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig im Unternehmen bleiben und sich weiterentwickeln können.
Auch Studien wie das EY Mixed Leadership Barometer zeigen, dass gesetzliche Quoten zwar wichtige Impulse geben können, aber allein nicht ausreichen. Studienautorin Rosemarie König sieht zusätzlichen Handlungsbedarf in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – etwa bei größerer Gehaltstransparenz, beim Ausbau der Kinderbetreuung oder bei einer stärkeren Einbindung von Männern in Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Gleichstellung verliert an Priorität
Trotz einzelner Fortschritte hat sich der grundsätzliche Stellenwert von Gleichstellung in vielen Unternehmen bislang kaum verändert. Laut einer aktuellen Deloitte-Umfrage verfolgt etwa jedes zweite Unternehmen in Österreich eine strategische Gleichstellungsstrategie. Rund ein Viertel setzt zumindest punktuelle Maßnahmen um, allerdings ohne diese langfristig im Unternehmen zu verankern. Insgesamt wurden rund 600 Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen befragt.
Gleichzeitig scheint das Thema derzeit an Bedeutung zu verlieren. Angesichts geopolitischer Spannungen und der anhaltenden Inflation geben 18 Prozent der Unternehmen an, ihren Fokus momentan stärker auf andere Herausforderungen zu richten. Besonders in kleineren Unternehmen stellt die Umsetzung von Gleichstellungsmaßnahmen häufig eine zusätzliche Herausforderung dar.
Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte Österreich, betont jedoch, dass gerade in unsicheren Zeiten jeder Wettbewerbsvorteil genutzt werden sollte, um die langfristige Stabilität von Unternehmen zu sichern.
Karrierechancen weiterhin ungleich verteilt
Die Zurückhaltung zeigt sich auch bei den Karrierechancen. Einige Fortschritte der vergangenen Jahre haben sich teilweise wieder relativiert. Aktuell gehen nur noch 45 Prozent der Befragten davon aus, dass Frauen und Männer unabhängig vom Beschäftigungsausmaß die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten haben. Im Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 50 Prozent.
Zudem ist rund ein Drittel der Meinung, dass gleiche Karrierechancen für Frauen weiterhin an eine Vollzeitbeschäftigung gebunden sind. Das zeigt, dass traditionelle Arbeitsmodelle nach wie vor einen großen Einfluss auf berufliche Entwicklungsmöglichkeiten haben.
Aichinger warnt davor, dass sich viele Fortschritte der vergangenen Jahre wieder umkehren könnten. Jede zweite Frau habe im Laufe ihres Berufslebens bereits mindestens einmal eine Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts erlebt. Um dem entgegenzuwirken, brauche es Rahmenbedingungen, die unbewusste Vorurteile reduzieren und berufliche Entwicklung auch bei familiären Verpflichtungen ermöglichen.
Strukturelle Hürden bleiben bestehen
Die Deloitte-Erhebung zeigt außerdem, dass 46 Prozent der Unternehmen derzeit keine konkrete Erhöhung des Frauenanteils im Top-Management planen. Als häufige Begründung nennen viele Organisationen einen angeblichen Mangel an qualifizierten Kandidatinnen.
Elisabeth Hornberger, Diversity-Expertin bei Deloitte Österreich, hält diese Erklärung für wenig überzeugend. Schließlich schließen in Österreich seit Jahren mehr Frauen als Männer ein Studium ab. Ihrer Einschätzung nach liegen die eigentlichen Ursachen eher in strukturellen Barrieren, etwa bei der Rekrutierung oder bei Karrierewegen innerhalb von Unternehmen.
Karrieresprünge für Frauen sollten im Jahr 2026 nicht mehr an den Rahmenbedingungen scheitern. Entscheidend sei, stärker auf Qualifikation und Potenzial zu achten. Bis eine Frau an der Spitze eines börsennotierten Unternehmens in Österreich steht, wird es allerdings noch weitere Anstrengungen brauchen.
Red.