Das Fernsehen verlässt den Fernseher

Was jahrzehntelang selbstverständlich zum Fernsehen gehörte, wandert zunehmend ins Streaming und weg vom klassischen TV.

12.10.2026 11:45
red04
© Adobe Stock
Übertragungsrechte liegen nun zunehmend bei Streamingplattformen.

Es ist eine ziemlich passende Pointe für den Medienwandel: Der wichtigste Preis für das Fernsehen geht dorthin, wo das Fernsehen längst nicht mehr ausschließlich stattfindet. Ab 2027 werden die Emmys nicht mehr bei ABC, CBS, Fox oder NBC übertragen, sondern weltweit exklusiv auf Prime Video gestreamt. Die Television Academy beendet damit nach Jahrzehnten ihre traditionelle Rotation zwischen den großen US-Sendern. Die Emmys bleiben zwar eine Live-Veranstaltung und sollen weltweit kostenlos abrufbar sein, nur eben nicht mehr im klassischen Fernsehen.

Als Fernsehen noch Fernsehen war

Die großen US-Preisverleihungen stammen aus einer Zeit, in der Kino und Fernsehen die bestimmenden Ausspielwege waren. Die Oscars zeichneten die Leistungen des Kinos aus, die Emmys jene des Fernsehens. Grammys, Tonys und später die SAG Awards hatten ebenfalls ihren festen Platz im Fernsehprogramm. Eine Preisverleihung war nicht nur eine Veranstaltung, sondern ein Fernsehereignis. Man wusste, wann sie stattfindet, auf welchem Sender sie läuft und dass Millionen Menschen zur selben Zeit einschalten.

Die Awardshows wechseln die Seite

Nun liegen die Übertragungsrechte zunehmend bei Streamingplattformen. Die Oscars werden ab 2029 weltweit exklusiv auf YouTube gestreamt. ABC, das die Verleihung seit 1961 mit wenigen Unterbrechungen übertragen hat, bleibt nur noch bis zur 100. Oscar-Verleihung 2028 Partner. Auch die ehemaligen SAG Awards, inzwischen unter dem Namen Actor Awards, sind bei Netflix angekommen. Die Verleihung wird dort live gestreamt, die Vereinbarung mit Netflix läuft auch für die kommenden Zeremonien 2027 und 2028 weiter. Eine Veranstaltung, bei der Film- und Fernsehschauspieler ausgezeichnet werden, hat damit ebenfalls keine klassische TV-Heimat mehr. Streamingplattformen haben längst verstanden, dass sich mit Live-Events etwas anderes erreichen lässt als mit einer weiteren Serie im Katalog. Sportübertragungen, Preisverleihungen und andere große Veranstaltungen schaffen einen gemeinsamen Zeitpunkt und damit Gesprächsstoff – genau jene Aufmerksamkeit, die im klassischen Fernsehen über Jahrzehnte zum Geschäftsmodell gehörte. Die Awardshows bringen noch etwas mit: ihre Namen. Für Emmys oder Oscars muss keine neue Marke aufgebaut werden. Das Publikum kennt die Veranstaltungen, die Stars sind ohnehin dabei und die mediale Aufmerksamkeit kommt mit der Marke.

TRL braucht MTV nicht mehr

Deutlich wird der Wandel auch bei einem Format, das kaum von seinem ursprünglichen Sender zu trennen ist: „Total Request Live“, kurz TRL. Carson Daly ist für ein Reunion-Special zurückgekehrt, das 2027 bei Roku erscheinen soll. Gedreht wurde dafür wieder im Times-Square-Studio in New York. Nur bei MTV wird das Ganze nicht zu sehen sein. TRL startete 1998 und gehörte zu den Sendungen, die MTV in den späten 90ern und frühen 2000ern zum Zentrum der Popkultur machten. Die Zuschauer stimmten über ihre Lieblingsvideos ab, daraus entstand der tägliche Countdown. Im Studio standen die jeweils angesagten Stars, draußen vor dem Fenster versammelten sich Fans am Times Square. Musikvideos, Live-Auftritte, Interviews und die Moderation von Carson Daly gehörten zu einem Format, das nur schwer von der damaligen Fernsehwelt zu trennen war. Vor allem war TRL Fernsehen im klassischen Sinn: eine tägliche Sendung, ein fixer Sendeplatz, ein Studio, das selbst zum Teil der Show wurde, und ein Publikum, das wusste, wann es einschalten musste.

Die alten TV-Marken ziehen weiter

Bei den Emmys ist es der Fernsehpreis, der nicht mehr im Fernsehen läuft. Bei TRL eine Sendung, die einst für MTV und das Musikfernsehen stand und nun bei Roku landet. Die Formate und Marken bleiben, nur der Ort, an dem sie stattfinden, verändert sich. Streaming übernimmt damit nicht nur das Publikum des Fernsehens, sondern auch gleich dessen bekannte Marken. Vielleicht wird „Fernsehen“ damit künftig eher eine Frage der Herkunft und nicht mehr des Ausspielwegs.

(red)

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