Kommentar: Der Reiz der Rankings
Dieser Tage erscheint – begleitet von starkem Trommelwirbel – Wolfgang Fellners neues Buch „Die 1.000 wichtigsten Österreicher“. Lesen Sie hier, was den Reiz von Rankings ausmacht.

Der Mensch vergleicht. Immer. Überall. Und am liebsten mit anderen.
Wer ist der Reichste? Wer der Schönste? Wer der Erfolgreichste? Welches Hotel ist das beste, welche Stadt die lebenswerteste, welcher Unternehmer der mächtigste?
Rankings liefern Antworten auf Fragen, die uns brennend interessieren – selbst dann, wenn wir sie nie gestellt haben.
Der Reiz der Rangliste liegt in ihrer gnadenlosen Einfachheit. Eine komplizierte Welt wird auf eine überschaubare Reihenfolge reduziert. Platz eins ist der Sieger. Platz zwei der erste Verlierer. Und wer es nicht unter die Top Ten schafft, findet oft überhaupt nicht statt.
Rankings sind die Hitparaden unserer Leistungsgesellschaft. Sie befriedigen gleich mehrere menschliche Urinstinkte: Neugier, Ehrgeiz, Eitelkeit, Konkurrenzdenken und nicht zuletzt Schadenfreude. Wir bewundern die Aufsteiger, belächeln die Absteiger und genießen insgeheim, wenn jemand, der sich für unantastbar hielt, plötzlich ein paar Plätze verliert.
Dabei ist der psychologische Mechanismus ebenso simpel wie wirkungsvoll: Wer oben steht, fühlt sich bestätigt. Wer unten landet, zweifelt an den Kriterien. Und wer gar nicht vorkommt, erklärt die gesamte Rangliste kurzerhand für unseriös.
Besonders faszinierend ist die Eitelkeit der Betroffenen. Ein Spitzenplatz wird stolz auf Websites, in Presseaussendungen und sozialen Medien verkündet. Ein schlechter Platz hingegen wird verschwiegen, relativiert oder als Ergebnis fragwürdiger Methoden abgetan. Rankings sind immer dann besonders glaubwürdig, wenn man selbst gut abschneidet.
Natürlich haben Ranglisten ihre Tücken. Nicht alles, was messbar ist, ist wichtig. Und nicht alles, was wichtig ist, lässt sich messen. Wer die Kriterien bestimmt, beeinflusst oft schon das Ergebnis.
Manche Rankings sind wissenschaftlich fundiert, andere kaum mehr als geschickt verpackte Meinung. Und wieder andere dienen vor allem einem Zweck: Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Aber genau darin liegt auch ihre publizistische Kraft. Rankings provozieren, polarisieren und animieren zum Widerspruch. Sie werden gelesen, diskutiert, geteilt und kritisiert. Kaum ein journalistisches Format schafft es so mühelos, aus trockenen Zahlen Emotionen zu machen.
Denn letztlich interessiert uns nicht nur, wer vorne liegt. Uns interessiert vor allem, wer wen überholt hat. Wer abgestürzt ist. Und wer sich völlig zu Unrecht für den Größten hält.
Das Schönste an Rankings? Sie sind niemals endgültig. Der Sieger von heute kann der Verlierer von morgen sein. Und der ewige Zweite darf weiter hoffen.
Denn eines ist sicher: Die Menschen lieben Ranglisten. Besonders jene, auf denen sie selbst ganz oben stehen.
Christian W. Mucha
