ORF will Weißmann-Causa aufarbeiten
Der ORF-Stiftungsrat und die Unternehmensführung planen Aufklärungsschritte sowie mögliche Anpassungen der Geschäftsordnung nach Weißmanns Rücktritt.
Nach dem Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann steht eine umfassende Aufarbeitung der Vorgänge im Mittelpunkt. ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze kündigten an, dass alle Facetten der Causa geprüft werden sollen. Hintergrund sind Vorwürfe sexueller Belästigung, die Weißmann zurückweist. Die Compliance-Stelle des ORF soll sich zeitnah mit den Anschuldigungen befassen. Zusätzlich ist die Einrichtung einer Taskforce vorgesehen, die Fragen der Führungskultur im Unternehmen behandeln soll.
Vorläufige Leitung und Taskforce
Für die Übergangszeit wird ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher die vorläufige Geschäftsführung übernehmen. Der Stiftungsrat bittet die zukünftige Führung, eine Taskforce einzurichten, die sich der Unternehmenskultur widmet. Lederer wies darauf hin, dass die betroffene Frau sich nicht an die üblichen internen Anlaufstellen wie die Whistleblower-Hotline oder die Gleichstellungskommission wandte, sondern direkt einen Anwalt einschaltete und sich an Mitglieder des Stiftungsrats wandte. Der Stiftungsratsvorsitzende hinterfragte, ob die bestehenden internen Instrumente ausreichend genutzt werden oder angepasst werden sollten.
Weißmanns Status unklar
Weißmann befindet sich derzeit in Beurlaubung. Ob er künftig wieder regulär im ORF tätig sein wird, ist unklar und hängt von den Ergebnissen der Compliance-Prüfung ab. Lederer und Schütze vereinbarten einen Termin mit der Compliance-Stelle, um den Sachverhalt darzustellen. Zudem wird eine externe Unterstützung für die Aufklärung geprüft. Lederer betonte, dass auf die Meldung der Frau schnell reagiert wurde und dass Anwälte in jeder Phase anwesend waren. Es sei kein Druck auf Weißmann ausgeübt worden, zurückzutreten. Weißmann widersprach dieser Darstellung über seinen Anwalt und sprach von „Unwahrheiten“ seitens Lederer.
ORF weiterhin funktionsfähig
Trotz der aktuellen Ereignisse betonte Lederer, dass der ORF voll handlungsfähig sei. Auch mit Blick auf den Eurovision Song Contest im Mai gebe es keine Einschränkungen, da ein umfassendes Team rund um die Uhr arbeite. Thurnher wurde als interimistische Leitung eingesetzt, da sie die „öffentlich-rechtliche DNA“ des Hauses verkörpere und ihre Unabhängigkeit stets betont habe. Sie soll weiterhin auch als Radiodirektorin tätig bleiben. Juristen prüfen derzeit, ob dieser Posten zusätzlich ausgeschrieben werden muss.
Ausschreibung der Geschäftsführung
Eine erste Ausschreibung für die Generaldirektorenstelle bis Ende 2026 soll zeitnah erfolgen. Ein Termin für die Bestellung ist noch offen, könnte aber im Juni liegen. Eine zweite Ausschreibung für die nächste Funktionsperiode ab 2027 ist für Anfang Mai geplant. Im April wird der Stiftungsrat in einer Sondersitzung die Ausschreibungskriterien festlegen. Ziel ist es, möglichst viele Bewerbungen für beide Funktionsperioden zu erhalten.
Anpassungen in der Geschäftsordnung
Abseits des Rücktritts wird der ORF-Stiftungsrat am morgigen Donnerstag auch über eine neue Geschäftsordnung beraten. Ziel ist eine straffere Debattenführung, unter anderem durch die Begrenzung wiederholter Wortmeldungen. Lederer betonte, dass Ordnungsrufe nur moderat eingesetzt würden. Sollte dies nicht ausreichen, können Rederechte entzogen oder Sitzungen unterbrochen werden. Der Stiftungsrat plant zudem die Durchführung eines „Future Day“, um sich im Mai oder Juni erneut mit dem Thema öffentlich-rechtlicher Auftrag zu befassen. Hintergrund ist die angekündigte Reformdebatte der Bundesregierung zu diesem Themenfeld.
(APA/red)