Expertin fordert Mix statt Social-Media-Verbot
Eine Forscherin der Uni Wien plädiert für eine Kombination aus Altersregeln, Medienbildung und mehr Verantwortung der Plattformen.
Die Diskussion über ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche gewinnt international an Bedeutung. Nachdem Australien entsprechende Schritte gesetzt hat, arbeiten auch mehrere europäische Staaten – darunter Österreich – an Altersbeschränkungen für soziale Netzwerke. Auch auf Ebene der Europäische Union wird über entsprechende Regelungen nachgedacht.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Jolien Trekels von der Universität Wien hält ein generelles Verbot jedoch nicht für ausreichend. Ihrer Ansicht nach müsse die Nutzung sozialer Medien in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden. Die psychische Gesundheit von Jugendlichen werde von vielen Faktoren beeinflusst, etwa Schlaf, Leistungsdruck, familiären Umständen und sozialen Beziehungen. Soziale Medien seien nur ein Teil dieses Gesamtbildes.
Die Forscherin spricht sich daher für eine Kombination verschiedener Maßnahmen aus. Neben möglichen Altersbeschränkungen sollten vor allem digitale Kompetenzen gefördert werden. Dabei seien sowohl Eltern und Schulen als auch die Plattformbetreiber gefragt.
Trekels betont, dass Medienkompetenz vor allem durch praktische Erfahrung entsteht. Jugendliche müssten die Möglichkeit haben, den Umgang mit digitalen Medien zu lernen, begleitet von Erwachsenen und durch Reflexion. Ohne Zugang zu sozialen Netzwerken werde es schwieriger, diese Fähigkeiten zu entwickeln.
Gleichzeitig hält sie punktuelle Einschränkungen durchaus für sinnvoll. So könne es etwa während des Unterrichts hilfreich sein, Smartphones zu verbieten, um Ablenkung zu reduzieren. Ein umfassendes Verbot sieht sie jedoch kritisch, da digitale Resilienz eine Fähigkeit sei, die sich durch Übung und Unterstützung entwickle.
In der aktuellen Debatte vermisst Trekels außerdem häufig die Perspektive der Jugendlichen selbst. Soziale Medien seien ein zentraler Bestandteil ihres Alltags, etwa für Kommunikation, Unterhaltung und Freundschaften. Deshalb sollten ihre Erfahrungen stärker in politische Entscheidungen einbezogen werden.
Viele Jugendliche wünschen sich laut der Expertin auch mehr Verantwortung von den Plattformen. Dazu gehöre etwa das Entfernen gewalttätiger oder schädlicher Inhalte aus den Feeds. Solche Inhalte könnten bei Minderjährigen starke emotionale Reaktionen auslösen. Auch der Vergleich mit idealisierten Bildern im Netz könne negative Auswirkungen auf das Körperbild und das Selbstvertrauen haben.
Trotz dieser Risiken spricht sich Trekels gegen strenge Verbote als alleinige Lösung aus. Ein mögliches Social-Media-Verbot sollte ihrer Ansicht nach Teil eines umfassenderen Ansatzes sein, der Medienbildung, emotionale Kompetenzen, die Einbindung der Eltern sowie mehr Verantwortung der Plattformbetreiber umfasst. Ziel müsse es sein, Jugendliche nicht nur zu schützen, sondern sie auch zu einem bewussten und resilienten Umgang mit digitalen Medien zu befähigen.
APA/Red.