50 Jahre Mucha Verlag: Laudator Heinz Sichrovsky
In seiner launigen Laudatio zog Österreichs Doyen der Kulturjournalisten, Heinz Sichrovsky, – pointiert und dennoch durchaus liebevoll – über den Jubilar Christian W. Mucha her.
Ich hab Dir vor etwas mehr als zwei Jahren ein Kompliment unterbreitet, das jeder andere als persönlichen Angriff von sich gewiesen hätte, Dich aber in helles Entzücken versetzt hat, obwohl es doch gelautet hat: Der Mucha ist ein unmöglicher Mensch, darüber sind sich alle einig, die ihn kennen. Also alle. Vielleicht hat Dich ja die Fortsetzung überzeugt: Der Mucha ist ein unmöglicher Mensch, weil er das Unmögliche möglich macht – in einer Zeit, in der andere alle Mühen darauf verwenden, das Mögliche unmöglich zu machen.
Damals hattest Du gerade die Jubiläumsausgabe zum vierzigjährigen Bestand des Branchenmagazins „ExtraDienst“ herausgebracht, zwei Jahre später und ein bissl anders sind es schon 50. Man kommt bei Dir tatsächlich kaum nach, lernt aber jedenfalls, die Feste so zu feiern, wie sie Dir gefallen. Das Konvolut damals, mitten im sich auftürmenden Ukraine-Konflikt, also in der größten Branchenkrise seit der Umstellung von der Tontafel zum Papyrus, war 278 Seiten schwer, mit 170 Anzeigenseiten, die redaktionell sogar durchaus ansprechend ummantelt waren.
Diesmal sind es 144 Seiten, die Anzeigenseiten bitte selbst nachzuzählen, eventuell genügt es aber auch, wenn jeder der geschätzten Anwesenden sein eigenes Inserat sucht. Wie man so etwas möglich macht, ist eine ständige Erkenntnis für uns alle, ein Menetekel, das an allen Wänden glüht. Die Zielgruppe des Kommunikationsmagazins „ExtraDienst“ ist so spitz, dass man sich leicht eine Blutvergiftung holt, wenn man sie nur antippt – kennen wir alle. Und wen außer uns selbst, so fragt sich der Laie, sollen denn unsere minimundialen Kabalen, Triumphe und sonstigen Belanglosigkeiten interessieren?
Deine Antwort auf meine Frage war so lapidar, gleichzeitig relativ, wie alle elementaren Erkenntnisse der Geistesgeschichte. Denken wir nur an Einstein und E=mc2: Die Werbebranche interessiert es, und zwar in konkurrenzloser Geschlossenheit. Mit anderen Worten: Du hast mit Deinen drei Kernpublikationen – Medien, Reisen, Luxus – das so benannte Special-Interest-Segment in den Stand der Konkurrenzlosigkeit gebracht. Mit noch anderen Worten: Beim Mucha blöd vorkommen, das ist so kontraproduktiv, als würde der „Guide Michelin“ dem Steirereck Schabenbefall attestieren. 53 Prozent Rendite vor Steuer, hast Du mir zugeraunt, und selbst mir wirtschaftlichem Kretin hat geschwant, dass das nicht nichts ist.
Dazu kommt die Sache mit der Serendipität, den Begriff verdanke ich dem großen Genetiker Markus Hengstschläger. Das ist, wenn man etwas tut, das an sich vollkommen nutzlos ist, aber ungeahnte, oft historische Folgen nach sich zieht. Zum Beispiel hat ein Labormitarbeiter von Sir Alexander Fleming unterlassen, eine Petrischale zu reinigen, und als Fleming aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, waren in dem völlig verdreckten Glasbehälter das Penicillin und der Nobelpreis, um es in einfacher Sprache zu formulieren. Du hast zum Beispiel die jeweils erste Zeitschrift zum Riechen und zum Belecken erfunden und erstmals auf einem Cover einen Flachbildschirm affichiert. Die Branchenauswirkungen haben sich unbestreitbar in Grenzen gehalten. Im Gegenteil, publizistische Geruchsbelästigung stellt sich heute ja ideologienübergreifend auch ohne technologisches Zutun ein, wenn ich mir das hippe Geschäftsmodell der anonymen Denunziation unter dem Schutz der Fußnote von der Unschuldsvermutung vergegenwärtige. Aber, und da kommen wir zum Penicillin, „die Inserate waren es, die da jeweils angefallen sind!“, so hast Du mir’s mit leuchtenden Augen erklärt.
Gar nicht zu reden von den Luxus-Impfreise, die Du 2021 anbieten wolltest, als sich die Vakzinbeschaffung bei uns elend dahingeschleppt hat. Meines Wissens ist keiner der avisierten Multimillionäre Deinem Ruf nach nach Ägypten, Serbien und Israel gefolgt. Aber in offensichtlicher Panik, dass Du eine eigene Partei gründen und gegen ihn antreten könnest, hat Sebastian Kurz daraufhin mit Putin die Produktion von 300.000 nicht zugelassenen Sputnik-Dosen vereinbart. Eine völkerverbindende Mission, die leider gegen den Kneissl’schen Hofknicks eine Spur untergegangen ist.
Ich lege bei meinen Laudationes ja prinzipiell Wert auf eigene Pointenproduktion, aber ohne Deine Lieblingsanekdote, die Du mir anvertraut hast, wäre diese Laudatio Stückwerk: Ein Herzog stirbt, und an der Schwelle zum Jenseits beschwört ihn der Hofkaplan, seinen Feinden zu vergeben, sonst wird es nichts mit der Absolution. Da haucht der Herzog: „Ich habe keine Feinde.“ Das kommt dem Gottesmann unglaubwürdig vor, aber der Sterbende beharrt mit erlöschender Stimme: „Ich habe keine Feinde. Ich habe sie alle hinrichten lassen.“
Und da haben wir den privaten Mucha noch gar nicht gestreift, der, so wie auch der berufliche Mucha, ruhelos mit der Quadrierung des Kreises befasst ist. Man muss sich das vorstellen: Er kommt in den Seitenblicken vor und ist trotzdem jemand. Er hat ein Buch geschrieben, wie man ohne zu zahlen zu Wohlstand gelangt, bekanntlich ein riskantes Verfahren. Und ist trotzdem mit seiner wunderbaren Frau Ekaterina ein weltläufiges, charmantes, elegantes, stilsicheres, kunstsinniges, belesenes und gebildetes Paar. Er hat als Wiener Nachkriegsbub seine frühen Jahre in einer drückend dichtbesiedelten Gemeindewohnung zugebracht und ist trotzdem bescheiden geblieben. So bescheiden, dass er kürzlich sogar noch seinen zweiten Rolls Royce abgestoßen hat! Luxus kennt er keinen, hat er mir versichert, es sei denn, man würde ein paar Stockwerke Wohnraum neben der Staatsoper, Immobilien in Frankreich und ein Schloss am Wörthersee kleinlicherweise im Luxussegment verorten.
Die Sache mit dem Rolls Royce hat übrigens, wie fast alles im Leben des Christian Mucha, eine Pointe. Er nutzt ihn nur für Überlandfahrten, weil er im Stadtverkehr als Markenbotschafter einen ihm unentgeltlich zur Verfügung gestellten Elektro-Fiat fährt.
Diese scheinbare Lebensmarginalie führt uns mitten ins Mucha’sche Geheimnis, das sich unter dem magischen Wort „Gegengeschäft“ subsumieren lässt. Er hat, um das zu vertiefen, seinen Medien eine derart zielgerichtete Treffsicherheit verschafft, dass es ihm genügt, sich selbst 2.000 Euro im Monat auszuzahlen und den Rest mit Inseraten gegenzufinanzieren.
So, und jetzt erzählt er mir en passant, wenn nicht gerade von Peter Turrini oder seinen Lieblingsmalern aus dem gediegensten österreichischen Jahrhundertwende-Impressionismus die Rede ist, das Folgende: Er hat die Erzeugung von Printprodukten mit der vorliegenden Jubiläumsausgabe verbindlich eingestellt und weicht komplett ins Internet aus.
Aber, lieber Christian, da Du Dich nach einem groben Überschlag meinerseits schon ein gutes Dutzend Mal verabschiedet hast, und das für alle Zeiten, bin ich noch hoffnungsvoll skeptisch. Und da Du und Deine Frau von Grund auf kultivierte Menschen seid, referiere ich jetzt nicht auf die Abschiedstourneen der Rolling Stones oder Gott bewahr auf Sebastian Kurz, von dem auch niemand sagen kann, was es mit seinem Nie-Wieder auf sich hatte. Sondern auf die unvergessene große Operndiva Christa Ludwig, die nach ihrem Rückzug mit einer ausgedehnten Abschiedsrunde noch gut eine halbe Generation an ihrer Kunst teilhaben ließ.
Das erwarte ich auch von Dir, und wenn wir in, sagen wir, einem Dreivierteljahr Dein Sechzigjahrjubiläum feiern, wird es wieder eine Jubiläumsausgabe geben, wobei der Rhythmus diesbezüglich durchaus variabel sein kann.
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