Anzeige

Scripted Reality bringt ATV in Bedrängnis

Die Debatte um „Das Geschäft mit der Liebe“ stellt moralische Fragen an Politik und Gesellschaft.

25.03.2025 11:59
Redaktion
© ATV
"Das Geschäft mit der Liebe" auf ATV

Die ATV-Doku-Soap „Das Geschäft mit der Liebe“ sorgt aktuell für eine aufgeladene Debatte in Politik und Öffentlichkeit. Scharfe Kritik kommt von verschiedenen Seiten – insbesondere von Frauensprecherinnen aller im Nationalrat vertretenen Parteien sowie dem Medienminister selbst. Aber auch von Medien wie dem Falter. Im Zentrum der Vorwürfe stehen sexistische, rassistische und frauenverachtende Inhalte, die in der jüngsten Staffel der langjährigen Sendung transportiert würden. ATV hat inzwischen reagiert, die strittige Folge offline genommen und eine interne Qualitätskontrolle angekündigt.

ATV prüft Reality-Format und setzt Maßnahme

In einem Statement äußerte sich ATV folgendermaßen:

“Der Sender ATV lehnt sexistische und rassistische Inhalte sowie Gewalt und Frauenfeindlichkeit strikt ab. Auch wenn Reality-TV von Zuspitzungen und realistischen Darstellungen lebt, haben derartige Bestandteile in diesem Genre nichts zu suchen.

Bei dem ATV Reality-Format „Das Geschäft mit der Liebe“ wurde umgehend ein umfassender interner Prozess gestartet, der die besagte Folge 5, sowie alle noch weiteren Folgen der Staffel, einer nochmaligen Qualitätskontrolle unterzieht. Da in der betreffenden Folge die Qualitätskontrolle versagt hat, wurden sofort entsprechende Maßnahmen ergriffen und die Folge, sowie alle Clips daraus, wurden offline genommen. Alle Episoden, die bisher nicht im TV ausgestrahlt wurden, werden mit der verantwortlichen Produktionsfirma bezüglich Produktionsbedingungen und Gesamtdarstellung geprüft und gegebenenfalls vor einer Ausstrahlung überarbeitet.
Daher pausiert das Format am kommenden Mittwoch, dem 26. März.

Unterhaltung- und Realityformate sind eine wichtige Programm-Säule unseres privatwirtschaftlich geführten Medienhauses. Gleichermaßen sind wir uns in diesem Bereich unserer Verantwortung bewusst und nehmen diese sehr ernst.”

Einordnungsversuch

Trotz der berechtigten inhaltlichen Einwände wirft die Diskussion auch medienpolitische Fragen auf. Die Rolle des Medienministers in der Beurteilung und möglichen Einflussnahme auf Programmgestaltung privater Medienunternehmen wird kritisch beäugt. Babler kündigte an, das Gespräch mit der ATV-Geschäftsführung zu suchen, betonte jedoch gleichzeitig, dass es nicht seine Aufgabe sei, Inhalte zu zensieren. Damit bewegt sich die Diskussion an einer messerscharfen Schneide zwischen politischem Kalkül und der im Verfassungsrang stehenden Medienfreiheit.

Politische Empörung

Der mediale Aufschrei wurde maßgeblich durch den meinungsstarken Falter-Chefredakteur ausgelöst, der dem Format auf Social Media massive Vorwürfe machte. Dessen scharfe Formulierung setzte den Ton für die politische Reaktion. Die Frauenvorsitzenden von SPÖ, ÖVP, Neos und Grünen schlossen sich dem Protest an und forderten ATV in einem offenen Brief zum Handeln auf. Die Kritik: Die Sendung verharmlose Gewalt und reproduziere Misogynie – in einer Zeit, in der Femizide und Gewalt gegen Frauen ein gesellschaftlich brennendes Thema sind.

Wer trägt Verantwortung?

Dass „Das Geschäft mit der Liebe“ in seiner aktuellen Form nicht mehr als dokumentarisches Format bezeichnet werden kann, ist unbestritten. Was ursprünglich als Einblick in die Lebensrealität von Partnersuchenden konzipiert war, ist zunehmend in Richtung Scripted Reality abgedriftet – mit deutlich inszenierten Szenen und gecasteten Protagonisten. Dieser Wandel fällt in die Verantwortung der Produktion und nicht in erster Linie der Senderführung. ATV hat auf die öffentliche Kritik mit einer internen Prüfung und einem Aussetzen der nächsten Folge reagiert – ein Schritt, der den Ernst der Lage anerkennt, ohne vorschnell Konsequenzen auf Führungsebene zu ziehen.

Unterhaltung vs Moral

Dass Formate wie „Das Geschäft mit der Liebe“ auch nach vielen Jahren noch ein Publikum finden, ist medienökonomisch nachvollziehbar. Entscheidend bleibt, wie redaktionelle Verantwortung in Einklang mit kommerziellem Erfolg gebracht wird. Reality-TV lebt von Zuspitzung, aber es braucht klare Grenzen – insbesondere dann, wenn reale Menschen vorgeführt oder sensible Themen wie Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern thematisiert werden.

Die öffentliche Empörung über das Format ist zum Teil nachvollziehbar – insbesondere aus Sicht frauenpolitischer Anliegen. Aber sie darf nicht in eine generelle Verurteilung von Zuschauenden oder Medienmachern umschlagen. Kritik an medialen Inhalten muss differenziert bleiben und den Unterschied zwischen künstlerischer Freiheit, medienpolitischer Verantwortung und moralischer Empörung respektieren.

Medienfreiheit wahren

Die Forderung nach einer Absetzung oder gar personellen Konsequenzen in der ATV-Führung ist kritisch zu betrachten. Sie erscheint medienpolitisch motiviert und läuft Gefahr, die gebotene Unabhängigkeit journalistischer und künstlerischer Entscheidungen in Frage zu stellen. Die Qualität des Formats kann und soll diskutiert werden – aber nicht durch politische Rücktrittsforderungen oder öffentliche Vorverurteilung.

ATV hat mit der Prüfung und dem Pausieren der Ausstrahlung einen gangbaren Weg eingeschlagen. Ob daraus ein nachhaltiger Reflexionsprozess in der Sender- und Produktionskultur entsteht, bleibt abzuwarten. Das Ziel muss sein, neue Formate zu schaffen, die gesellschaftliche Entwicklungen sensibel abbilden – ohne in stereotype Dramaturgien oder entwürdigende Inszenierungen abzurutschen.

„Das Geschäft mit der Liebe“ ist zum Symbol einer überfälligen Debatte geworden – über Verantwortung im Reality-TV, über das Verhältnis von Politik und Medien, aber auch über den Wandel eines Genres. Die aktuellen Reaktionen zeigen, dass Sensibilität für Inhalte gewachsen ist. Umso wichtiger ist ein sachlicher Umgang mit Kritik – ohne moralische Überhöhung, aber mit festem Blick auf notwendige Veränderungen im medialen Erzählen.

(red/24.03|25.03.)

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren