Ingrid Thurnher übernimmt vorläufig ORF-Leitung
Der ORF-Stiftungsrat hat Ingrid Thurnher nach dem Rücktritt von Roland Weißmann einstimmig mit der interimistischen ORF-Geschäftsführung betraut.
Der ORF-Stiftungsrat hat am heutigen Donnerstag Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Leitung der Geschäfte des ORF-Generaldirektors betraut. Die Abstimmung in der 35-köpfigen Sitzung des obersten ORF-Gremiums erfolgte einstimmig. Der Schritt war notwendig geworden, nachdem Roland Weißmann am vergangenen Sonntag von seiner Position zurückgetreten war. Hintergrund sind Vorwürfe der sexuellen Belästigung, die Weißmann bestreitet.
Langjährige Erfahrung im ORF
Thurnher (63) ist seit rund 40 Jahren beim ORF tätig. Ihre Karriere führte sie unter anderem von der TV-Ansagerin über das Niederösterreichische Landesstudio und die Innenpolitikredaktion beim Hörfunk zu Moderationen in „Zeit im Bild“, „ZiB2“ und „Im Zentrum“. Später war sie Chefredakteurin bei ORF III und übernahm schließlich die Leitung des ORF-Radios. Der Stiftungsrat begründete die Wahl Thurnhers mit ihrer engen Vertrautheit mit den öffentlich-rechtlichen Prinzipien und ihrer bisherigen Arbeit als Chefredakteurin und Direktorin. ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer kündigte an, dass in Kürze eine Ausschreibung für die interimistische Leitung bis Jahresende erfolgen soll. Es wird erwartet, dass Thurnher, die derzeit auch ORF-Radiodirektorin ist, für diese Position kandidiert. Anfang Mai soll außerdem die Ausschreibung für die reguläre fünfjährige Funktionsperiode des ORF-Generaldirektors ab 2027 starten. Weißmann hätte dieses Amt bis dahin innehaben sollen.
Forderungen nach Transparenz
Vor Beginn der Sitzung forderte Stiftungsrat Peter Westenthaler, dass „alles auf den Tisch“ gelegt werde. Westenthaler, von der FPÖ in das Gremium entsandt, äußerte Bedenken über den Ruf des ORF im Zusammenhang mit der Causa Weißmann. Zudem wollte er die Rolle des ORF-Managers Pius Strobl prüfen, der Berichten zufolge in die Angelegenheit involviert sein soll. In einem Interview mit dem „Standard“ erklärte Strobl, dass Weißmann eine vertraglich zugesicherte Pensionsregelung, die vom früheren ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz vereinbart worden war, nicht umsetzen wollte. Strobl betonte, dass die gegen Weißmann erhobenen Vorwürfe keinen Bezug zu seiner beruflichen Tätigkeit haben. Für Weißmann gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Strobl bestätigte, denselben Anwalt wie die Frau zu haben, die die Vorwürfe an den Stiftungsrat herangetragen habe, wies jedoch zurück, sie zu einer Anzeige motiviert zu haben.
Änderungen der Geschäftsordnung
In der Sitzung stand auch die Anpassung der Geschäftsordnung auf der Agenda. Künftig sollen Ordnungsrufe und der Entzug des Rederechts bei Störungen möglich sein. Außerdem soll die Möglichkeit bestehen, Sitzungen zu unterbrechen. Westenthaler äußerte Bedenken, dass die Änderungen zu einer Einschränkung der Mitbestimmung führen könnten. Lederer betonte, dass die Anpassungen nicht einseitig erfolgt seien, sondern nach breiter Diskussion beschlossen wurden. Ziel sei es, Debatten effizienter zu gestalten, ohne das Mitspracherecht der Stiftungsräte zu beschneiden.
(APA/red)

