KI-Startup Anthropic lehrt Reuters das Fürchten

Die Marke Reuters kennt man vor allem als eine der weltweit wichtigsten Nachrichtenagenturen.

05.02.2026 16:02
Redaktion
© Adobe
Thomas Reuters in Midtown Manhattan

Nüchtern, schnell, international. Reuters gilt für Journalisten als Inbegriff und Quelle seriöser Nachrichten. Doch dieses Bild greift zu kurz. Hinter der redaktionellen Fassade steht ein hochprofitabler Daten-, Software- und Technologiekonzern, dessen Geschäftsmodell zunehmend unter Druck gerät. Nicht etwa durch klassische Medienkonkurrenz, sondern durch neue Anbieter von Künstlicher Intelligenz wie Anthropic.

Solide Zahlen, nervöse Anleger

Auf den ersten Blick gibt es für Thomson Reuters wenig Grund zur Sorge. Der Daten- und Nachrichtenanbieter steigerte im vierten Quartal 2025 den Umsatz um fünf Prozent auf rund zwei Milliarden US-Dollar. Getrieben wurde das Wachstum vor allem von den Sparten Recht, Steuern und Unternehmen – also jenen Bereichen, in denen Reuters weniger als Medienmarke, sondern vielmehr als hochspezialisierter Informations- und Technologiedienstleister auftritt.

Auch der Gewinn je Aktie lag mit 1,07 Dollar leicht über den Erwartungen, und für 2026 stellt das Unternehmen ein Umsatzwachstum von 7,5 bis 8 Prozent in Aussicht. Zahlen, die normalerweise Vertrauen schaffen.
Und doch werden diese Ergebnisse überschattet: Anleger fürchten, dass neue KI-Anbieter das Fundament dieses Geschäftsmodells angreifen – insbesondere dort, wo Informationen bislang teuer, exklusiv und arbeitsintensiv waren. Die unmittelbare Folge: Die Aktie war laut APA-Meldung am Dienstag im Zuge eines breiten Ausverkaufs im Software-, Daten- und Dienstleistungsbereich um fast 18 Prozent gefallen.

Reuters: Nachrichtenagentur und Datenbroker

Um diese Sorge zu verstehen, muss man Reuters richtig einordnen. Die Nachrichtenagentur ist zwar das bekannteste Gesicht des Konzerns, aber längst nicht sein wirtschaftlicher Kern. Der Großteil der Erlöse stammt aus:

  • juristischen Datenbanken und Recherche-Tools,
  • Steuer- und Compliance-Software,
  • Finanz- und Unternehmensdaten,

Sowie technischen Plattformen, die tief in die Arbeitsprozesse von Kanzleien, Behörden und Unternehmen integriert sind. Reuters verkauft also nicht nur Nachrichten, sondern veredelte Information: strukturierte Daten, Suchsysteme, Workflows, Analysen – alles eingebettet in kostenintensive Abonnements. Genau hier liegt die Verwundbarkeit.

Anthropic: KI mit Anspruch auf Produktivität

Anthropic ist eines der führenden KI-Startups aus den USA und Entwickler der Sprachmodell-Familie Claude. Anders als viele KI-Anbieter positioniert sich Anthropic nicht primär als Chatbot-Firma, sondern als Entwickler unternehmensfähiger, sicherheitsorientierter KI-Systeme.
Neu und marktbewegend ist weniger das Modell selbst als dessen Einsatz: KI-Agenten, die juristische Dokumente analysieren, komplexe Rechercheaufgaben strukturieren, Inhalte zusammenfassen, vergleichen und bewerten, und sich in bestehende Unternehmensprozesse integrieren lassen.

Damit übernimmt KI Tätigkeiten, für die bislang spezialisierte Software, teure Datenbankzugänge und menschliche Experten notwendig waren.

Wo sich die Wege kreuzen

Formal sind Reuters und Anthropic keine direkten Wettbewerber. Doch faktisch nähern sie sich demselben Wertschöpfungskern: Information als Entscheidungsgrundlage.

Reuters verkauft Zugang zu kuratierten Daten und Recherche-Infrastruktur. Anthropic verspricht, genau diese Arbeitsschritte zu automatisieren – schneller, günstiger und skalierbarer.

Für Kunden stellt sich zunehmend die Frage: Brauche ich noch ein teures Spezialtool, wenn eine KI Inhalte recherchiert, bewertet und zusammenfasst?

Diese Frage trifft Reuters dort, wo die Margen hoch sind – im Rechts-, Steuer- und Unternehmensdaten-Geschäft. Die Börse reagiert entsprechend sensibel.

Der heikle Punkt: Unabhängigkeit und KI

Die aktuellen Sorgen der Anleger berühren nicht nur ökonomische Fragen, sondern auch eine strukturelle Verschiebung in der Rolle von Reuters selbst. Dabei geht es um die Frage, welche Instanz künftig bestimmt, welche Informationen als relevant, verlässlich und entscheidungswürdig gelten.

Reuters bewegt sich strukturell in Richtung eines Gatekeepers. Diese Entwicklung ergibt sich aus der besonderen Kombination mehrerer Funktionen innerhalb des Konzerns. Reuters ist zugleich eine globale Nachrichtenagentur mit hohem Vertrauen in redaktionelle Standards, ein Anbieter hochkuratierter juristischer, steuerlicher und wirtschaftlicher Daten, ein Entwickler technischer Plattformen und Workflows, und zunehmend ein Akteur im Umfeld KI-gestützter Analyse.

Jede dieser Rollen ist für sich genommen eingegrenzt. In ihrer Kumulation entsteht jedoch eine neue Form von Macht durch Vorselektion.
Künstliche Intelligenz verstärkt diesen Effekt.

KI-Systeme operieren nicht neutral, sondern auf Grundlage vorhandener Datensätze. Werden diese Systeme mit kuratierten Informationsbeständen gespeist, reproduzieren sie zwangsläufig bestimmte Perspektiven.

Für Reuters bedeutet das: Selbst bei strikter Wahrung redaktioneller Unabhängigkeit kann der Konzern indirekt Einfluss auf Wahrnehmungsrahmen nehmen. Etwa darauf, welche Themen als systemisch wichtig gelten, welche Risiken priorisiert werden oder welche Akteursgruppen in Datenmodellen besonders sichtbar sind.

Kritik an dieser Entwicklung ist deshalb nicht gleichzusetzen mit dem Vorwurf der Manipulation oder der Verletzung journalistischer Ethik.

Die klassischen Trennlinien zwischen Redaktion, Dateninfrastruktur und Analyse verschwimmen zunehmend.

(red)

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