Conchita sagt Servus zum Eurovision Song Contest

„Veränderung ist meine größte Konstante“. Mit diesen Worten verabschiedet sich Tom Neuwirth vom ESC.

13.01.2026 13:31
Redaktion
© ORF
Andi Knoll und Tom Neuwirth im September 2025 – da sah die Sache noch anders aus.

Was da wohl wieder hinter den Kulissen abgegangen ist, werden sich viele Fans fragen, die Conchita Wurst beim diesjährigen Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle gerne in einer tragenden Rolle gesehen hätten. Dabei war – so heißt es aus mehreren Richtungen – längst alles unter Dach und Fach. Beinahe.

Denn was Conchita am Dienstagvormittag via Instagram mitteilte, klingt weniger nach strategischer Neuausrichtung als nach kontrollierter Enttäuschung. Ein Rückzug aus einem Format, das ihre Karriere geprägt hat und bis zuletzt als Heimspiel galt.

„Ich ziehe mich fortan aus dem ESC-Kontext zurück. Ich löse mich, um andere berufliche Projekte stärker in den Fokus zu rücken und Neues entstehen zu lassen.“

Die Botschaft ist klar formuliert, aber offen genug, um Raum für Interpretationen zu lassen. Und dieser Raum wird nun genutzt.

Offizielle Version: Wandel statt Wiederholung

Öffentlich argumentiert Tom Neuwirth, der Mann hinter der Kunstfigur, mit dem künstlerischen Bedürfnis nach Veränderung. „Veränderung ist meine größte Konstante“, schreibt der verifizierte Instagram-User conchitawurst. Der ESC bleibe Teil der Geschichte, aber nicht Ort der nächsten Schritte. Weitere Kommentare? Fehlanzeige.

Der ORF reagierte betont gelassen. ESC-Executive-Producer Michael Krön ließ wissen, man respektiere die Entscheidung und wünsche Neuwirth alles Gute. Zuerst hatte Der Standard über den Rückzug berichtet.

Soweit die offizielle Lesart. Doch wer den Song Contest kennt, weiß: Selten ist das die ganze Geschichte.

Zehn Gründe, die man hinter vorgehaltener Hand hört

Niemand bestätigt sie offiziell. Niemand dementiert sie konkret. Doch in der Branche kursieren seit Tagen inoffizielle Lesarten – halb augenzwinkernd, halb ernst gemeint. Eine Zusammenfassung dessen, was hinter den Kulissen kolportiert wird:

  1. Die Diva-These
    Conchita gilt nicht als Nebenbei-Act. Wer sie einbindet, muss mit starker Präsenz rechnen – und mit einer Aura, die Räume dominiert.
  2. Der schwierige Künstler
    Proben, Abläufe, Regiepläne gelten in ihrem Umfeld als grundsätzlich verhandelbar. Manchmal auch mehrfach.
  3. Anspruch vor Pragmatismus
    Was technisch möglich ist, reicht nicht immer. Erwartet wird Wirkung, Inszenierung, Größe – Kompromisse haben es schwer.
  4. Muse schlägt Uhrzeit
    Inspiration kennt keinen Call-Sheet-Termin. Das kollidiert mit TV-Produktionen, die auf fixe Abläufe angewiesen sind.
  5. Hedonistische Lebenshaltung
    Der ESC ist eine präzise getaktete Arbeitsmaschine. Conchita wird eher als Erlebnisfigur wahrgenommen. Zwei Logiken, die nicht automatisch harmonieren.
  6. Der unbeschwerte Aristocat (ohne Subtext)
    Öffentlich inszeniert sich Neuwirth gern als Flaneur zwischen Kunst, Mode und Jetset – weniger als funktionaler Teil einer ORF-Produktionshierarchie.
  7. Wenig Lust auf Pflichttermine
    Empfang hier, Panel dort, Sponsorentermin dazwischen – das ESC-Begleitprogramm gilt nicht als kreativer Spielraum, sondern als Pflichtübung.
  8. Erwartungsmanagement
    Wer 2014 gewonnen hat, kommt nie als Statist zurück. Alles unter „großer Auftritt“ wird rasch als unpassend empfunden.
  9. Offline-Perks
    Garderobe, Betreuung, Zugang, Umfeld – Details, die banal wirken, bei Großproduktionen jedoch schnell politisch werden.
  10. Und schließlich: die Gage
    Die wohl plausibelste Erklärung. Was marktüblich ist, soll offenbar nicht conchitawürdig gewesen sein – und umgekehrt.

Ein Abschied mit Ansage

Ob künstlerische Selbstfindung oder klassischer Clash zwischen Anspruch und Produktionsrealität: Der Rückzug wirkt weniger impulsiv als endgültig. Conchita verabschiedet sich nicht vom ESC-Mythos, sondern von der Rolle, die man ihr darin zugedacht hatte.

Für den Song Contest bedeutet das: weniger kalkulierbare Ikone. Für Conchita selbst: Freiheit von einem Rahmen, der längst enger war, als es von außen schien.

Und für alle anderen bleibt die Erkenntnis, dass starke Selbstentwürfe nicht zwingend reibungslos in große Apparate passen – selbst dann nicht, wenn man sich beinahe schon einig war.

(red)

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