Kooperation als Medienmodell der Zukunft
APA-CEO Clemens Pig hat ein kooperatives Medienmodell skizziert, das die Branche technologisch wie demokratisch stärken soll.

Die Kombination aus generativer KI, algorithmischen Plattformlogiken und globalen Distributionsstrukturen erzeugt eine Medienumgebung, in der Herkunft, Echtheit und Wert journalistischer Inhalte zunehmend unter Druck geraten. Vor diesem Hintergrund melden sich verstärkt jene Stimmen zu Wort, die sich seit Jahren mit der strukturellen Weiterentwicklung des österreichischen Mediensektors befassen. Eine der prägendsten davon ist Dr. Clemens Pig, seit 2016 CEO der APA. Er hielt am 5.11. vor dem ORF-Stiftungsrat eine vielbeachtete Keynote zum Thema „Der Impact von KI auf das Medien-Ökosystem“.
Er legt darin ein klar strukturiertes Zukunftsmodell für die Branche vor. Seine Diagnose: Das bestehende Mediensystem stößt unter den Bedingungen von KI-getriebenen „synthetischen Medien“ zunehmend an systemische Grenzen.
Neue Herausforderungen im Informationszeitalter
Der Medienstandort Österreich verliert gleichzeitig an mehreren Fronten: an ökonomischer Stabilität, technischer Souveränität und gesellschaftlichem Vertrauen. International agierende Plattformen verschieben Werbegelder ins Ausland, synthetische Inhalte erschweren die Erkennung verlässlicher Informationen, und die Fragmentierung des Publikums schwächt die Reichweite klassischer journalistischer Angebote.
Diese Kombination erzeugt eine Strukturkrise, in der traditionelle Geschäftsmodelle und institutionelle Arbeitsteilungen – von der Redaktion bis zur Distribution – nicht mehr automatisch funktionieren. Professionelle Medien stehen, erstmals seit Jahrzehnten, in einem strategischen Wettlauf mit Technologien, die ihre eigenen Voraussetzungen infrage stellen.
An diesem Punkt setzt Clemens Pig an. In seiner Rolle als langjähriger Unterstützer medienübergreifender Kooperationen verbindet er Diagnose und Handlungsvorschlag. Unter dem Begriff Modus Co-Operandi beschreibt er, wie das Mediensystem von innen heraus erneuert und technologisch neu verankert werden kann.
Vom Dualmodell zum kooperativen Medienverbund
Pig argumentiert, dass sich die zentrale Bruchlinie des Systems verschoben hat. Früher verlief sie zwischen privatwirtschaftlichen Medien und öffentlich-rechtlichen Anbietern. Heute trennt sie professionelle Medien insgesamt von jenen Plattformen, die Aufmerksamkeit, Datenströme und digitale Infrastruktur kontrollieren. Diese neue Lage erfordert nicht punktuelle Innovationen einzelner Häuser, sondern eine strukturelle Anpassung des gesamten Sektors.
Kooperation wird damit nicht zur Option, sondern zu einem operativen Prinzip: ein gemeinsames Betriebssystem für Medien, die ökonomisch unter Druck stehen und zugleich demokratische Verantwortung tragen. Pigs Modus Co-Operandi sei daher kein theoretisches Konstrukt, sondern ein strategischer Versuch, eine zersplitterte Branche in ein handlungsfähiges Ökosystem zu überführen – ohne bestehende Markenidentitäten zu verwischen.
Gemeinsamkeiten statt Parallelstrukturen
Clemens Pig definiert Kooperation als Antwort auf vier Kernprobleme:
- Technologische Abhängigkeit: Schlüsseltechnologien wie User-Consent, Content-Management, SEO und KI liegen weitgehend in der Hand globaler Konzerne. Nationale Medien können diese Strukturen einzeln weder finanzieren noch kontrollieren.
- Ökonomische Erosion: „Winner-takes-all“-Mechanismen der Plattformökonomie ziehen Werbeerlöse ab, während Produktionskosten steigen.
- Synthetische Medien: Die Verschmelzung von KI und sozialen Netzwerken schafft ein Umfeld, in dem Echtheit, Herkunft und Absicht von Inhalten kaum noch überprüfbar sind.
- Verlust an Öffentlichkeit: Polarisierung und algorithmische Verteilung schwächen jene Öffentlichkeit, auf die professioneller Journalismus angewiesen ist.
Der Grundgedanke lautet: Wenn mediale Wertschöpfung von Technologie abhängt, dann müssen die Medien diese Technologie gemeinsam entwickeln, betreiben und kontrollieren – unabhängig davon, ob wirtschaftliche oder genossenschaftlich organisierte Modelle zum Einsatz kommen.
Bausteine eines kooperativen Modells
Aus dieser Logik ergeben sich mehrere operative Felder, die als Kern einer neuen Medienarchitektur beschrieben werden:
Gemeinsame KI-Lösungen
Ein faktenbasiertes KI-System – etwa in Form eines nationalen Medien-Chatbots – soll Inhalte transparent, rechtssicher und nachvollziehbar generieren. Ziel ist die Rückgewinnung technologischer Souveränität, nicht Automatisierung um jeden Preis.
Geteilte Infrastruktur
Plattformen wie Login-Systeme, Asset-Management, Workflow-Tools oder digitale Indexierung werden als gemeinsames Fundament gedacht. Sie sollen Kosten senken und den technologischen Abstand zu Big Tech verringern.
Werkzeuge gegen Desinformation
Pig ordnet professionelle Medien als grundlegende demokratische Infrastruktur ein. Tools zur Erkennung manipulativer Inhalte, Labeling-Systeme und Fact-Checking-Mechanismen sollen daher medienübergreifend entstehen.
Gemeinschaftliche Innovationsräume
Mit kooperativen Fonds und Media-Labs sollen Projekte ermöglicht werden, die einzelne Häuser weder finanziell noch technisch stemmen könnten – vor allem in Bereichen, die junge Nutzergruppen ansprechen.
Ein genossenschaftlich geprägtes Modell
Der Ansatz des APA-Vorstands verbindet zwei Ebenen: ökonomische Argumente und demokratische Stabilität. Kooperation soll Kosten senken, Entwicklungszyklen beschleunigen und Medienmarken stärken. Gleichzeitig soll ein gemeinsames Betriebsmodell jene verlässliche Informationsumgebung sichern, die eine liberale Demokratie voraussetzt.
Der Modus Co-Operandi ist damit ein strategischer Vorschlag, der die Branche nicht harmonisieren, sondern stabilisieren will – indem er die Kräfte professioneller Medien bündelt und auf gemeinsame technologische Grundlagen stellt.
Seit die Debatte angelaufen ist, ziehen externe Beobachter ähnliche Linien: Medienforscher wie Hendrik Theine oder Fritz Hausjell betonen, dass gemeinschaftliche Modelle und genossenschaftliche Plattformen ein realistischer Weg sein könnten, journalistische Vielfalt zu sichern. Clemens Pig liefert dazu den bislang konkretesten architektonischen Rahmen.
In seiner Keynote am Europäischen Mediengipfel im Tiroler Seefeld präsentierte Pig konkrete Ideen zum neuen. kooperativen Medienmodell.
(Entgeltliche Schaltung)
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