Grimme-Preis: Starke Auswahl, enge Linien
Die Nominierungen des wichtigsten deutschen Fernsehpreises zeigen hohe Qualität und erkennbare Leerstellen.
Der Grimme-Preis gilt seit Jahrzehnten als maßgebliche Auszeichnung für Qualitätsfernsehen in Deutschland. Prämiert werden Produktionen, die sich durch journalistische Sorgfalt, kulturelle Relevanz und gesellschaftliche Tiefenschärfe auszeichnen – unabhängig von Quote oder Marktanteil. Die Nominierungen für den 62. Grimme-Preis 2026 spiegeln dieses Selbstverständnis deutlich wider.
Gesellschaftliche Themen prägen die Auswahl
In den Kategorien Information & Kultur sowie Fiktion dominieren Arbeiten, die sich mit politischen und historischen Konfliktlinien auseinandersetzen. Nominiert sind unter anderem Produktionen wie „Das Srebrenica Tape“, „Sudan: Ein Krankenhaus im Schatten des Krieges“ oder „Russlands wilde 90er – Zwischen Demokratie und Putin“, die internationale Krisen journalistisch präzise und analytisch aufbereiten.
Auch die Auseinandersetzung mit autoritären Strukturen, Rechtsextremismus und gesellschaftlicher Radikalisierung zieht sich durch die Liste, etwa mit „World White Hate“, „Riefenstahl“ oder „Petra Kelly – Act Now!“. Geschichte wird dabei weniger als Rückblick erzählt denn als Spiegel gegenwärtiger Debatten.
Fiktion mit politischem Unterton
Im Wettbewerb Fiktion greifen mehrere nominierte Produktionen aktuelle gesellschaftliche Spannungen auf. Stoffe wie „Die Affäre Cum-Ex“, „Die Ermittlung“ oder „Tatort – Dunkelheit“ verhandeln Machtmissbrauch, institutionelles Versagen und moralische Verantwortung. Auffällig ist dabei eine starke Orientierung an realen Fällen und dokumentarischer Genauigkeit – erzählerische Zuspitzung bleibt meist kontrolliert.
Österreichische Beteiligungen finden sich punktuell im Rahmen von Koproduktionen, etwa bei „Sturm kommt auf“ (ZDF/ORF) oder bei internationalen Arte-Projekten.
Unterhaltung und Nachwuchsformate
In der Kategorie Unterhaltung zeigt sich der Grimme-Preis erneut offen für Formate, die Humor mit Haltung verbinden. Nominiert sind unter anderem „MAITHINK X – Die Show“, „extra 3 Takeover“ oder „Sträters Problemzonen“. Im Kinder- und Jugendbereich werden Produktionen ausgezeichnet, die gesellschaftliche Realität ernst nehmen und auf dialogische Vermittlung setzen, etwa „Sieger sein!“ oder „Y-Kollektiv: Y-History“.
Qualität ja, Mut begrenzt
Begleitet werden die Nominierungen von kritischen Hinweisen aus dem Umfeld des Grimme-Preis. Insbesondere wird darauf verwiesen, dass zentrale Gegenwartsthemen nicht in der nötigen Breite und Tiefe aufgegriffen worden seien. Genannt werden unter anderem die Klimakrise, die politische Entwicklung in den USA – und vor allem der Krieg als prägende Realität der Gegenwart. Zwar finden sich kriegsbezogene Stoffe im dokumentarischen Bereich, eine stärkere Präsenz in der Fiktion bleibt jedoch aus.
(red)