Wenn das Wetter zur Deutung wird
Ein ORF-Interview mit Markus Wadsak zeigt wie schnell aus Beobachtung und Statistik Gewissheit wird.
Die vergangenen Tage haben Österreich eine markante Kältephase beschert. Dauerfrost, tiefe Temperaturen im ganzen Land, Schneefall mit Folgen für Verkehr und Lawinenlage. In den ORF-Nachrichten ordnete Wettermoderator Markus Wadsak diese Situation in einem Experteninterview ein – sachlich im Ton, weit ausholend in der Interpretation.
Selten, signifikant, außergewöhnlich
Wadsak verweist zunächst auf messbare Fakten. In Wien etwa, so seine Darstellung, habe man „heute den achten Tag, an dem die Temperatur nicht über null Grad hinauskommt“. Eine Dauerfrostphase in dieser Ausprägung habe es „seit 14 Jahren nicht mehr gegeben“. Österreich liege derzeit rund vier Grad unter dem Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre. Solche Verhältnisse seien „selten geworden“, „signifikant und außergewöhnlich“.
Bis hierher bewegt sich die Einordnung formal im Rahmen klassischer Wetterberichterstattung. Markant ist jedoch bereits die Wortwahl: „selten“, „außergewöhnlich“, „schon lange nicht mehr“. Sie erzeugt einen Bedeutungsüberschuss, der über die bloße Beschreibung hinausgeht. Vierzehn Jahre sind meteorologisch kein bedeutsamer Zeitraum, auch wenn man den menschengemachten Klimawandel berücksichtigt, sondern Ausdruck natürlicher Schwankungen. Wadsak inszeniert sie als Bruch mit der jüngeren Vergangenheit.
Blick auf den „Winter wie früher“
Im zweiten Teil des Interviews weitet der Meteorologe den zeitlichen Horizont. Wer vom „Winter wie früher“ spreche, müsse weiter zurückblicken. Vor rund 100 Jahren seien in Österreich Temperaturen möglich gewesen, die heute kaum mehr vorstellbar seien: minus 36,6 Grad im Raum Zwettl, minus 29 Grad in Wien. Solche Werte würden heute allenfalls noch in exponierten Lagen erreicht.
Auch das ist sachlich korrekt. Historische Messreihen zeigen deutlich tiefere Extremwerte. Der argumentative Übergang folgt jedoch unmittelbar: Früher habe es solche Kälte öfter gegeben, heute nicht mehr. Daraus leitet Wadsak ein „klares Zeichen“ ab, dass sich der Klimawandel auch im Winter bemerkbar mache.
Vom Befund zur Unmöglichkeit
Spätestens hier verschiebt sich die Ebene – auch begrifflich. Denn Wadsak wechselt unmerklich vom Wetter, also von konkreten, kurzfristigen Ereignissen, zum Klima, das statistische Entwicklungen über Jahrzehnte beschreibt. Der historische Vergleich einzelner Extremwerte wird damit nicht mehr als Illustration eines Trends verwendet, sondern als Argument für eine grundsätzliche Aussage. Ein Winter wie früher, mit extremer Kälte und langen Dauerfrostphasen, sei „durch die globale Erwärmung schlicht und einfach nicht mehr möglich“.
Kommunikativ ist das ein starker Satz. Wissenschaftlich ist er zumindest verkürzt. Klimamodelle beschreiben Wahrscheinlichkeiten und Verschiebungen, keine physikalischen Ausschlüsse einzelner Wetterlagen. Entscheidender ist jedoch der Kontext: Wadsak trat hier nicht als Klimaforscher oder Klimakommunikator auf, sondern als Wetterexperte in einem Nachrichteninterview. Genau in dieser Rolle wird die begriffliche Trennung zentral. Wenn aus Wetterbeschreibung eine Klimadeutung wird, ohne den Rollenwechsel offen zu machen, verwischt die Grenze zwischen Information und Interpretation – und damit jene Präzision, auf der glaubwürdige Wetterkommunikation im öffentlich-rechtlichen Rahmen beruht.
Ein bekanntes Spannungsfeld
Der Auftritt reiht sich in ein Muster ein, das Wadsak seit Jahren begleitet. Er ist einer der sichtbarsten Wettermoderatoren des Landes – und zugleich einer der umstrittensten. Kritisiert wird weniger seine Haltung zum Klimawandel als die Art, wie er sie kommuniziert: Wetterberichte werden zu Deutungsangeboten, Daten zu Bausteinen einer größeren Erzählung.
Diese Grenzverschiebung war auch innerhalb des ORF Thema – mit Folgen für seine Rolle im ORF. Entsprechende Debatten lassen sich seit Jahren nachzeichnen.
Analyse ohne Gegengewicht
Es ist dem ORF selbstverständlich nicht anzukreiden, einen Meteorologen auch zu Klimafragen zu befragen – im Gegenteil: Die Verbindung zwischen Wetterbeobachtung und Klimatrends gehört zum legitimen Informationsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders. Problematisch wird es erst dort, wo diese Rollen nicht klar ausgewiesen werden.
Wadsak tritt hier nicht als Kommentator oder ausgewiesener Klimaexperte auf, sondern als Wettermoderator in einem Nachrichteninterview seines eigenen Senders. Seine Aussagen bleiben stehen, Nachfragen oder Relativierungen fehlen. Was als Analyse etikettiert wird, enthält damit bereits Bewertung – und gewinnt ein Gewicht, das aus dem Setting selbst entsteht. Nicht durch Zuspitzung, sondern durch fehlendes Gegengewicht.
Für Kommunikationsprofis ist das ein klassisches Beispiel dafür, wie Kontext, Rolle und Erwartungshaltung die Wirkung einer Botschaft prägen – selbst dann, wenn die zugrunde liegenden Aussagen für sich genommen nicht falsch sind.
Den Klimawandel nicht leugnen
Der Klimawandel ist ein komplexes, langfristiges Phänomen. Seine Vermittlung lebt von Präzision, nicht von Endgültigkeit. Das ORF-Interview zeigt, wie schnell diese Grenze überschritten wird, wenn Wetter nicht nur erklärt, sondern gedeutet wird. Nicht aus böser Absicht – sondern aus dem Wunsch, Zusammenhänge verständlich zu machen.
(red)